Fast unbeachtet von der Weltöffentlichkeit hat es im Nahen Osten eine politische Sensation gegeben: Israel und Jordan, die scheinbar unversönlichen Feinde, haben einen gemeinsamen Pakt ausgearbeitet und damit das Wort von der ausweglosen Politik Lügen gestraft. Der UNO aber wurde wieder einmal ein Schnippchen geschlagen.

Nichts war einer Annäherung zwischen Jordan und Israel förderlicher, als der Beschluß der UNO-Vollversammlung vom 9. Dezember vorigen Jahres, Jerusalem und seine nähere Umgebung zu internationalisieren und die Verwaltung dieses Gebietes dem Treuhänderrat der UNO zu übertragen. Denn nur eine Verständigung zwischen beiden Staaten konnte noch verhindern, daß beide Länder eines Tages – nach Fertigstellung des Treuhänderstatuts – sich gezwangen sehen würden, die von ihnen eroberten Gebiete herauszugeben. Diese Überlegungen führten schon vor Monaten zu inoffiziellen geheimen Besprechungen zwischen Vertretern von Israel und Jordan, die in unregelmäßigen Abständen in dem kleinen Ort Sumeh, in dem König Abdullah eine Winterresidenz besitzt, stattfanden. Hier erklärte sich Israel bereit, Jordan in Haifa eine Freihafenzone zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig den ungehinderten Verkehr von und nach diesem Mittelmeerhafen zu garantieren. Es willigte ferner ein. den von ihm besetzten Teil der Straße von Jerusalem nach Bethlehem für einen ungehinderten Verkehr zu öffnen und die Versorgung der von Jordan besetzten Altstadt Jerusalems mit elektrischem Strom durchzuführen. Jordan seinerseits war damit einverstanden, die Erlaubnis zu einem durchgehenden Verkehr von Tel Aviv nach Jerusalem via Latrum zu geben, sowie den Zugang zur Klagemauer und zu der hebräischen Universität zu gestatten. Auf Grund dieser Vereinbarung sollte schließlich, ein fünfjähriger Nichtangriffspakt abgeschlossen werden, um es beiden Ländern zu ermöglichen, in Ruhe über die Bedingungen eines endgültigen Friedensvertrages zu verhandeln.

Soweit waren die inoffiziellen Besprechungen gediehen, als man sich entschloß, die Verhandlungen auf offizieller Ebene zum Abschluß zu bringen. Israels Außenminister Mosche Scharett legte Ende Februar dem Kabinett das Ergebnis der Besprechungen vor. Zweifellos werden Kabinett und Parlament die Vorschläge billigen, obgleich neben den Kommunisten, die auf Weisung von Moskau warten, auch die linksgerichtete Mapam, die in König Abdullah einen Vasallen Englands sieht, und die nationalistische Herut-Partei, welche eine Annektion ganz Palästinas durch Israel fordert, gegen den Vertrag mit Jordan sind.

König Abdullah hingegen, der auf jordanischer Seite als treibende Kraft hinter den Geheimbesprechungen stand, mußte feststellen, daß sein Kabinett unter Führung des Ministerpräsidenten Abu! Hilda nicht gewillt war, den Vertrag mit Israel in der vorliegenden Form zu billigen. Dem schlauen Monarchen war das nur recht. Denn nachdem Abul Huda die Demission seines Kabinetts erklärt hatte, beauftragte der König Samir Rifai Pascha mit der Bildung einer neuen Regierung. Und als auch der nach zwei Tagen seinen Auftrag zurückgab, da konnte Abdullah nicht nur Abul Huda veranlassen, bis zu den im April stattfindenden Wahlen die Geschäfte weiterzuführen. sondern gleichzeitig in Sumeh den Israeliten erklären, daß sich zu seinem Bedauern kein Kabinett finden ließe, das den vorgesehenen Vertrag unterzeichnen wolle. Er glaube aber, daß diese Krise überwunden würde, wenn Israel bereit sei, größere Zugeständnisse in der Frage der Entschädigung des von arabischen Flüchtlingen auf israelitischem Gebiet zurückgelassenen Eigentums zu machen. Und so geschieht es nun.

Der UNO-Treuhänderrat in Lausanne beobachtet die Entwicklung sorgenvoll und treibt die Fertigstellung des Regierungsstatuts für das internationale Gebiet Jerusalems schneller voran. Es hat sich also ein Wettlauf zwischen dem Treuhänderrat der UNO auf der einen und Israel und Jordan auf der anderen Seite entwickelt, den diejenige Partei gewinnen wird, die als erste vollendete Tatsachen schafft. Für Israel hängt alles von der Unterschriftsbereitschaft Jordans ab, die – wie die Ereignisse zeigen – durch innenpolitische Krisen beliebig hinausgeschoben, durch weitere Zugeständnisse Israels zweifellos aber auch beschleunigt werden kann. Wieder einmal hat Abdullah alle Fäden in der Hand, zumal jedes Zugeständnis Israels die Opposition der anderen arabischen Länder gegen ihn mildern und damit seine Stellung als arabischer Führer stärken wird. Die Kosten für eine Verständigung mit Jordan dürfte daher das „im Felde unbesiegte“ Israel tragen, dessen Staatsmänner sich dem größeren diplomatischen Geschick Abdullahs werden beugen müssen, es sei denn, sie verzichteten auf die Schaffung vollendeter Tatsachen, um ihre Ziele durch Gewalt zu erreichen. Ernst Krüger