K. W. Berlin‚ im März 1950

Die Bundesrepublik hat keinerlei direkte Beziehungen zu Polen. Polen hat aber nicht nur bei der Ostregierung sondern auch noch immer beim Kontrollrat eine offizielle Vertretung, die von General Prawnin geführt wird. Sie hat nach wie vor als einzige der „volksdemokratischen“ Vertretungen noch immer in Westberlin im britischen Sektor ihr Domizil. Diese polnische Mission in der Schlüterstraße bemühte sich bisher für ein Polen ohne betonte politische Sowjethaltung Propaganda zu treiben: Kunstausstellungen und Gastspiele wurden veranstaltet, und Literatur über das kulturelle Polen von dem deutsch-polnischen Propagandachef dieser Mission, Meller-Sandler vorbereitet. Dieser deutsch-polnische Kommunist war auch der eigentliche Inspirator der Hellmut von Gerlach-Gesellschaft, die den Namen des bekannten Polenfreundes und Pazifisten benutzte, um eine Gruppe von deutschen Intellektuellen auf dem Umwege über die Literatur für den sowjetischen Chauvinismus zu gewinnen. Diese Gesellschaft hat die Aufgabe, die gebildeten Schichten – der Universitätsprofessor Stroux repräsentiert sie – für eine Anerkennung Polens in seiner gegenwärtigen Ausdehnung reif zu machen, und damit die Oder-Neiße-Linie zu propagieren.

Während nach Gründung der Ostzonen-Regierung zwischen ihr und den sowjethörigen Staaten sehr rasch diplomatische Beziehungen aufgenommen worden waren, bedurfte es im Falle Polens erst besonderer Reisen Piecks, Ulbrichts und anderer Parteiprominenter nach Polen. Anschließend, verlangten die Polen dann noch, daß die Parteiführer der LDP und CDU Erklärungen und Zusicherungen über das Thema der Oder-Neiße-Linie abgaben. Erst als das polnische Mißtrauen gegen die äußerlich nicht-kommunistischen Parteien der Sowjetzone solchermaßen beseitigt war, wurde als Pendant zu dem von ostzonaler Seite nominierten Schriftsteller Friedrich Wolf der Vorsitzende des Kattowitzer Woiwodschaftrats Karol Tkocz als polnischer Botschafter in Berlin-Pankow nominiert.

Vor einigen Wochen ist nun aber an seine Stelle an Izydorczyk, Mitglied des Warschauer Politbüros, getreten. Ein Mann, der nicht nur mit führenden SED-Leuten aus langer kommunistischer Arbeit und aus den Buchenwald-Jahren verbunden ist, sondern der vor allem die sowjetische Konzeption einer Koordinierung von Sowjetpolen mit einem sich entwickelnden Sowjetdeutschland am zuverlässigsten vertritt. Die Kandidatur von Tkocz wurde zurückgezogen, weil er nicht nur verwandtschaftliche Beziehungen zu einem deutschen katholischen Geistlichen hat, sondern weil er innerhalb der polnischen Einheitspartei dem polnischen Kommunismus mehr Gewicht beimißt als dem der Sowjets. Izydorczyk wird also in Ostberlin ungleich stärker das prosowjetische Polen repräsentieren als General Prawnin, der mit seinem Büro weiterhin in Berlin verbleibt. Seine Mission aber, die zwar äußerlich unabhängig von der am Pankower Karlsplatz residierenden politischen „Botschaft“ ist, erhält jetzt ihre Weisungen von Izydorczyk. Durch dieses doppelte Gleis hat sich Polen die Möglichkeit geschaffen, eine das ganze Deutschland elementar angehende Aktion wie die Ausweisung von Zehntausenden von Deutschen mit einer völlig sowjethörigen Regierung als einen scheinbar diplomatischen Akt auszuhandeln. Um so wichtiger aber wird es, die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, welcher Art die Regierungsakte sind, die diese ostzonale Regierung zum Schaden Gesamtdeutschlands unternimmt.