Die Lage der westdeutschen Schrottwirtschaft hat sich in der letzten Zeit erheblich angespannt. Man rechnet sogar damit, daß vom Frühjahr 1951 ab Schrotteinfuhren zur Deckung des westdeutschen Bedarfs notwendig sein werden und daß bei der Festsetzung der Schrottausfuhrquoten eine gewisse Zurückhaltung beobachtet werden müsse. Darüber hinaus hat der westdeutsche Schrotthandel der eisenschaffenden Industrie einen Kredit von 30 Mill. DM eingeräumt, um die Einlagerung größerer Bestände aus dem gegenwärtig noch relativ hohen Schrottaufkommen zu ermöglichen. Dieser Kredit soll dazu dienen, etwa 0,5 Mill. t Schrott über den laufenden Bedarf hinaus zu erwerben.

Westdeutschlands Schrottexporte sind in den letzten Monaten für die östliche Presse ein willkommener Vorwand gewesen, „die Ausraubung Westdeutschlands durch die westlichen Alliierten propagandistisch zu verwerten. Zweifellos sind seit Kriegsende unverhältnismäßig große Schrottmengen aus Deutschland exportiert worden, doch muß man berücksichtigen, daß der Krieg mit seinen Zerstörungen auch einen stark überhöhten Schrottanfall in Deutschland hinterlassen hat. Es dürfte jetzt aber der Zeitpunkt gekommen sein, diese Exporte in ein vernünftiges Verhältnis zu den deutschen Bedürfnissen zu bringen. Das englische „Metal Bulletin“ beschäftigte sich vor einiger Zeit mit dem deutschen Schrott- und Stahlproblem und äußerte sich dazu wie folgt: „In den letzten beiden Jahren hat die englische Stahlindustrie beträchtlichen Nutzen aus den Bezügen deutschen Eisen- und Stahlschrotts gehabt. Seit der Devalvation des Pfundes sind aber neue Abschlüsse kaum in nennenswertem Umfang zustande gekommen, und wahrscheinlich ist die englische Stahlindustrie heute auch nicht mehr in so hohem Maße am deutschen Schrott interessiert, da sich nach dem starken Ansteigen der englischen Stahlproduktion in den Nachkriegsjahren jetzt Anzeichen einer Ermüdung bemerkbar machen.“ Das Blatt glaubt aber nicht, daß die englische Stahlindustrie für absehbare Zeit gänzlich auf den deutschen Schrott wird verzichten können. Das mag wohl zutreffen.

Aber man gibt immerhin zu, daß es für Westdeutschland auf die Dauer nicht möglich ist, Schrottexporte in dem bisherigen Umfang durchzuführen, Der Bedarf der westdeutschen Stahlindustrie wird gegenwärtig auf etwa 275 000 bis 300 000 t im Monat geschätzt bei einem Schrottaufkommen von monatlich etwa 475 000 t. Damit würden etwa 175 000 bis 200 000 t für den Export zur Verfügung stehen. Die monatliche Schrottexportquote betrug im vergangenen Jahr aber 250 000 t. Es sind jetzt Bestrebungen im Gange, die auf eine Einschränkung der Schrottausfuhren auf höchstens 100 000 t im Monat abriefen, wobei diese Ausfuhren nicht wie bisher nur die hochwertigsten Sorten umfassen sollen.

Deutschland hatte in den Jahren einer sinkenden Konjunktur (nach 1929) jährlich geringe Exportüberschüsse in Schrott. 1931 betrugen sie bei einer Stahlerzeugung von 8,3 Mill. t 219 200 t. Seit dem Jahre 1933 war jedoch ein fast ständig steigender Zuschußbedarf notwendig, der 1938 bei einer Stahlproduktion von 22,65 Mill. t nicht weniger als 1,1 Mill. t betrug. Die maximale Höhe der westdeutschen Stahlerzeugung ist gegenwärtig mit 11,1 Mill. t jährlich festgesetzt. Und bei einer Erzeugung von 11,9 Mill. t im Jahre 1934 hatte Deutschland immerhin einen Zuschußbedarf an Schrott von 406 300 t.

Es stand fest, daß sich der übernormale Schrott anfall, den Westdeutschland durch den Krieg und die Nachkriegszerstörungen hatte, eines Tages erschöpfen mußte Denn schließlich ist Schrott ein außerordentlich wertvoller industrieller Rohstoff, besonders für Deutschland, das für seine Stahlerzeugung bedeutende Mengen hochwertiger Eisenerze einführen muß, die einen erheblichen Devisenaufwand erfordern. So betrugen die deutschen Eisenerzeinfuhren 1938 21,9 Mill. t im Werte von 281,4 Mill. RM und 1939 19,6 Mill. t für 238,7 Mill. RM. Auch in den Kriegsjahren lagen die deutschen Eisenerzeinfuhren zwischen rund 10 und 19,5 Mill. t bei einem Wert von 152,9 bis 284,4 Mill. RM. Es ist für die westdeutsche Wirtschaft zweifellos günstiger, Eisenerzeinfuhren auf das notwendigste Maß zu beschränken, Schrottexporte zu drosseln und überschüssige Schrottmengen für eine spätere Verwendung auf Lager zu nehmen. h. b.