Tübingen, im März

Das von Paul Rose geleitete "Städtetheater Tübingen-Reutlingen", das über zwanzig Orte im Södwürtembergischen bespielt, brachte Jean Cocteaus Schauspiel Les Monstres Statt als deutsche Erstaufführung heraus. Da sich die Übersetzerin anscheinend an das Wörterbuch hielt, heißt der Titel bei ihr "Heilige Ungeheuer". ("Vergötterte" oder "Gekrönte Ungcheuer" wäre sinnvoller gewesen.) Mit diesem "Porträt eines Stückes", das Cocteau dem damals (1940) im Felde stehenden Jean Marais gewidmet hat, betritt der Proteus der zeitgenössischen Literatur Frankreichs die Welt der Komödianten, die hier zugleich Primadonnen sind – Primadonnen im historischen Format einer Sarah Bernhardt, einer Réjane, eines Frédéric Lemaitre.

Auf den ersten Blick scheint es das bewährte Thema der alten Boulevardkomödie zu sein: der Mann zwischen zwei Frauen. Aber Cocteau gibt dem Konflikt einen psychoanalytischen Akzent! Der arrivierte Star eines Pariser Privattheaters, mit einem vergötterten Schauspieler der Comédie Françaiseglücklich verheiratet, wird durch das Schwindelmanöver einer geltungsbedürftigen jungen Kollegin, die sich als Geliebte des Gatten ausgibt, aus der besonnten Problemlosigkeit aufgeschreckt. Plötzlich sitzt der Dolch des Zweifels in ihrem Herzen. Hebbels Kandaules nicht unähnlich, bereitet sie in neurotischer Selbstqual (und aus dem Bedürfnis nach Gewißheit) der ehrgeizigen Rivalin den Weg zum Gatsen. Das Liebesidyll währt indes nicht lange. Der so geniale wie charakterschwache Mime kehrt bald zerknirscht zur Gattin zurück, deren menschliche Reife und Lauterkeit obsiegen. Die Andere geht mit dem Kraftwort merde ab.

Ein Stück für Großstadtbühnen. Denn die Besetzung stellt Ansprüche. Zumindest zwei Schauspieler müssen vorhanden sein, die selber "Stars" sind, virtuose Könner. In Tübingen waren sie nicht vorhanden. Ebba Johannsens Esther glaubt man zwar das Grundanständige der Figur, nicht aber die starke Persönlichkeit; diese Gattin ist allzu hausbacken geraten. Hinzu kommt, daß Josef Keims Regie unerträglich zelebriert, breite Tempi zuläßt, auf Raffungen verzichtet, spannungslos ist (Cocteau auf schwäbisch). Er selbst spielt den Mann zwischen den Frauen: als liebenswürdig-harmlosen Schwerenöter, statt, wie es die Rolle verlangt, als geniebesessenen Schwächling. Brigitte Konopaths Liane (ein geradezu böses Bild der jungen Generation), ist in der Garderobenszene unzureichend; im zweiten und dritten Akt soll sie gefühllos sein – nicht ordinär.

Das Tübinger Publikum spendete den Hauptdarstellern und dem Regisseur reichlichen Beifall.

Wolf gang A. Peters