Als zweiter Band von Hans Henny Jahnns großer Romanfolge „Fluß ohne Ufer“ ist dem „Holzschiff“ der erste Teil des Kernstücks „Die Niederschrift des Gustav Anias Horn“ gefolgt (Willi Weismann Verlag, München; 830 S., Ganzin. 18,– DM). Auch am Ende dieses Bandes ist man noch kaum in der Lage, so etwas wie ein „Urteil“ über die überdimensional angelegte Konzeption des Ganzen als Kunstwerk, als tektonische Leistung einer formenden Dichterhand zu finden. Selbst aber wenn es ein Torso wäre, der mit dem vorliegenden Teil abbräche (es ist nicht so: der dritte Band ist schon im Druck!), so stände fest das Zeugnis einer völlig Vergleichslos gearteten Genialität, einer ungeheuren, ungeheuerlichen Subjektivität, in der das sich ihr bietende Objekt mit verwirrender Vielfalt und vernichtender Schärfe gespiegelt wird. Das Objekt aber ist das Dasein schlechthin, das Uferlose mit seiner Rätselhaftigkeit, seiner Plattheit, seinen Tiefen und seinen Untiefen. Nichts Menschliches, einschließlich des Über- und Untermenschlichen und Tierischen, nichts Natürliches ist dem Autor Hans Henny Jahnn und seinen Gestalten fremd. Und auch das Un- und Widernatürliche wird als „natürlich“ verstanden, da es ja – wer könnte das schließlich bestreiten – in den Möglichkeiten der Natur liegt. Nichts Denkbares oder Fühlbares bleibt hier ungedacht oder ungefühlt; und nichts bleibt unausgesprochen. Wie die Ereignisse, Erlebnisse, Gedanken und Bilder dieses Romans, so ist auch seine Sprache – in ihrer bezwingenden Anschaulichkeit, ihrer oft hinreißend tönenden Pracht dokumentiert sich eine großartige dichterische Potenz –, uferlos, grenzenlos, hemmungslos. Da gibt es nichts, was nicht seine minutiöse Bezeichnung fände, sei es im Überschwang oder in wissenschaftlich konstatierender Sachlichkeit. Man kann sich denken, daß mancher unvorbereitete Leser das Buch nach spätestens hundert Seiten in die Ecke feuert; aber er wird es damit nicht besiegt haben. Man darf keinen Augenblick vergessen, daß es – auch in den phantastischsten, surrealistischen Episoden – immer um die Wahrheit jenseits jeglicher Form von Konvention geht; wenn auch die Wahrheit, wie sie sich einem darstellt, der den vollen und ganzen Sinn des Daseins in der sichtbaren und greifbaren physischen Erscheinung glaubt ergründen können zu müssen. Da bieten sich denn Zeugung und Verwesung als Pole dar, zwischen denen das Dunkel dämonischer Unerklärlichkeit das Licht des bohrenden Verstandes immer wieder verschlingen muß.

Das mysteriöse Verschwinden Ellenas von Bord des „Holzschiffs“ klärt sich in der Niederschrift ihres Verlobten auf: der Schiffsjunge Tutein hat sie ermordet. Nach den Gesetzen einer abgründigen Psychologie erwächst aus dem Geständnis ein untrennbarer Freundschaftsbund zwischen dem Mörder und dem Verlobten. Eine Freundschaft ebenso irrationaler wie lasterhafter Art, Beide sind durch gemeinsame – doch gänzlich wesensverschiedene – Schuld miteinander verkettet. Unter diesem Zwange steht ihr weiterer Schicksalsweg, der durch eine endlose Kette bunter Abenteuer in immer neue Abgründe führt und die Triebgehetzten, dem ewig Erdhaften Verfallenen, die reinen (hier paßt das Wort einmal!) Existentialisten nur selten auf Höhen vermeintlicher oder geahnter Erlöstheit Atem schöpfen läßt. Der Pantheist oder eigentlich Atheist, der dem Trostgedanken eines planenden Schöpfers oberhalb der Schöpfung nicht zugänglich ist und in dessen Munde der bisweilen dennoch gepflegte Name Gottes seltsam deplaciert wirkt, vermag sich nur durch Selbsterhebung zum Schöpfermenschen zu erlösen. Gustav Anias Horn ist Musiker. Er wird am Ende ein‚ Komponist von Rang. Wohin die Reise weiter geht, ist noch nicht abzusehen.

Das Buch hat mit seiner schier unwahrscheinlichen Phantasie des Sehens und Beschreiben seinesgleichen kaum in der deutschen Literatur. Es zieht an und stößt ab mit gleicher Kraft. Es hat etwas von der Magie eines kolossalen Götzenbildes in konturloser Urlandschaft. A-th