Von unserem Berliner K. W.-Korrespondenten

Berlin, im März 1950

In der Taberna Academica zu Berlin war die „Radikale Mitte“ zu Gast. Sie hatte wenig Mühe, die über tausend Plätze des Saales zu füllen, wiewohl sie nicht einmal mit Plakaten und Inseraten Reklame gemacht hatte. Außerdem kosteten die Eintrittskarten für den, der nicht Student war, Geld – eine Mark die hinteren und drei Mark die vorderen Plätze. Wo es sonst in Deutschland um Neugründungen politischer Gruppen geht – und wo geht es nicht darum? – fällt es schwer, kleine Räume bei freiem Eintritt zu füllen. Diese Berliner Gründungsversammlung aber hätte in einem sehr viel größeren Saale stattfinden können. Wo liegt das Geheimnis dieses Erfolges? Bei dem Gründer dieser „Radikalen Mitte“, bei – Werner Finck! Es wurde gelacht, fast pausenlos gelacht. Dennoch erklärte der Kabarettist Finck gleich zu Beginn, dieser Abend solle keine

Kabarett-Vorstellung sein. Es war schwer, dies von vornherein zu glauben. Es war hinterher noch schwerer.

Es gab Spruchbänder wie bei verbliebenen Versammlungen: „Ein Volk, ein Bund, ein Mißerfolg“ und „Wir sind für die Saarfrage“ ... „Für Aufrüstung der Toleranz“ – dieser Satz schien schon eine ernstere Pointe zu haben, und das Motto: „Gegen Schalter und Uniformen“ rückte das Unternehmen Finck vielleicht am weitesten aus der Sphäre des Ulks heraus. Doch die Eulenspiegelei war noch harnäckiger im äußeren Dekor vorgetrieben: Am langen Vorstandstisch links und rechts des Rednerpults saßen Studenten, dazu ein Rechtsanwalt. Am Katheder aber stand Werner Finck und behauptete, er wünsche, von nun an politisch zu wirken. Daß er es tatsächlich politisch meinte, ging nicht nur aus dem Manuskript hervor, das er mitgebracht hatte, sondern auch aus dem Umstand, daß er für seine Absichten, eine Gruppe ernsthafter Menschen – den Herausgeber der „Deutschen Rundschau“ Rudolf Pechel darunter – interessiert hatte. Pechel war zwar nicht, wie man erwartet hatte, aus Stuttgart erschienen; doch gegen Bürokratismus, Sturheit der politischen Formen im Parlament und in der Behörde, gegen die angebliche Heiligkeit der Ämter und gegen den pathetischen Ernst der Dogmatiker sei sein Freund Pechel, so versicherte Werner Finck, noch ärger eingestellt als er selbst.

Werner Finck will etwas. Aber was will er wohl? Will er nur eine „Gegenbewegung“ – so hieß die „Radikale Mitte“ zuerst – in Szene setzen? Einstweilen scheint Finck sich nicht klar darüber zu sein, wohin diese „Bewegung“ steuern soll, die er, eher exentrisch als überzeugend, „Radikale Mitte“ nennt. Er sagt: „Ich suche die Politiker“ und fährt fort: „Ich meine die Menschen mit Persönlichkeit, Schwung und Herz.“ Aber dies ist alles, was er an konkreter Interpretation sagen will oder sagen kann. Denn der Stolz, der Vorzug und die Bequemlichkeit seiner „Radikalen Mitte“ ist, daß sie kein Programm hat.

Darum prasselte es von Wortspielen und Witzattacken, die seine Zuhörer gierig fraßen. Er will den Humor zu einem politischen Faktor machen. Den Politikern, so dekretierte Finck, fehle es an Unernsthaftigkeit, aber einige wenige nimmt er aus. Er sagt von ihnen, sie seien schon Mitglieder der „Radikalen Mitte“, ohne daß sie es wüßten. Winston Churchill, Theodor Heuss und Carlo Schmid nennt er mit Namen und meint, die menschliche Heiterkeit, mit der sie im Meer der politischen Dinge herumschwömmen, mache ihre Politik fruchtbarer als die der anderen.