In einem Augenblick, in dem die Kurve des Parteigründungsfiebers hohe Ausschläge zeigt, ist es nötig und gut, die Aufmerksamkeit auf politisch tätige Gruppen zu lenken, die weder Programme für die ferne Zukunft entwerfen noch nach Anhängern für solche Programme fahnden, sondern mit den Mitteln, die der heutige Stand der demokratischen Entwicklung in Deutschland ihnen bietet, bestimmte, konkrete, für jedermann faßliche und von jedermann zu billigende, aber sonst von niemandem bisher ernstlich angestrebte Zwecke erfüllen wollen. In diesen Initiativgruppen haben sich Männer und Frauen aus allen nichttotalitären Parteien mit Parteilosen zusammengefunden – für die Dauer einer Notlage, die es zu beheben gilt. Die „Päckchenhilfe Ost“, die inzwischen Unschätzbares für die Stärkung des Lebensmutes bei den Deutschen der Sowjetzone geleistet hat, kam auf solchem Wege zustande. Ihr Initiator war Ernst Tillich, der jetzt auch (neben und mit dem Gründer der Rainer Hildebrand) zum Geschäftsführer der überparteilichen „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ bestimmt wurde. Er soll für deren so dringliche Arbeit – Angehörige von Inhaftierten des Ostzonenregimes müssen benachrichtigt, Entlassene zu einer gedeihlichen Tätigkeit zurückgeführt, Zweifelnde beraten, unsicher Gewordene ermutigt werden – stärkere Resonanz und Hilfe in Westdeutschland gewinnen.

Ernst Tillich, der jetzt Vierzigjährige, ist es gewohnt, daß viele, die ihm zum erstenmal begegnen, ihn fragen, ob er „der religiöse Sozialist“ sei. Sie denken an seinen älteren Verwandten Paul Tillich, der in den zwanziger Jahren die Brücke zwischen Theologie und Sozialismus schlug und heute in New York als Universitätslehrer im gleichen Sinn mit starker Autorität wirkt. Sein Anliegen war und ist eine neue Theologie, die der Wahrheit des Sozialismus gerecht wird. Ernst Tillich dagegen kommt zwar auch von der Theologie her und hat sich früh den Gedanken einer ursprünglichen Identität von Christentum und Sozialismus zu eigen gemacht. Das führte ihn, als die evangelische Kirche in Deutschland um ihre Existenz kämpfen mußte, in die Reihen der „Bekennenden“ und trug ihm, als dem Verfasser eines Manifestes, in dem die Fronten radikal bezeichnet waren, mehrere Jahre Haft im Konzentrationslager ein. Seitdem ist aber seine Wirksamkeit vornehmlich dem Praktischen zugewandt: aus dem „Evangelischen Hilfswerk“ kam er nach dem Krieg in die Berliner Sozialverwaltung, und dort erkannte er die Notwendigkeit, der großen und wichtigen, aber von Erstarrung in Traditionen bedrohten Arbeiterpartei neue Impulse zu geben. Der „freie Sozialist“ Tillich machte sich bemerkbar, wurde manchem auch unbequem, als Auflockerer der marxistischen Fundamente, als einer von den deutschen „Fabiern“, die der Sozialdemokratie Züge der Labour Party zu geben versuchten. Solch ein Umbau mitten im ersten Parteienwettstreit schien den meisten zu gewagt, und noch jetzt sind die „Fabier“ eine oppositionelle Minderheit. Tillich ist überzeugt, daß sie durch dringen werden. Aber er versteift sich nicht auf Thesen der Weltanschauung, sondern sieht auf fruchtbares Wirken – wo es nötig wird, auch über die Schranken der Partei hinaus.

An der Berliner Hochschule für Politik leitet er du Abteilung „Philosophie und Soziologie“, undogmatisch, aufgeschlossen, mit Strenge im Geistigen und Wärme im Menschlichen. Auch das ist (Bei der Nähe und Anziehungskraft der sowjetischen Ideologie) eine Vorpostenstellung. Sie ergänzt, erzieherisch, den Alltagskampf der Initiativgruppen gegen die Überflutung durch die Wellen des Systems, das durch den Eisernen Vorhang allein nicht einzudämmen ist und noch weniger durch fromme Wünsche.

Lewalter