Baden-Baden, Anfang April

Das „Dramatische Kabinett“ des Baden-Badener Theaters hatte sich die deutsche Erstaufführung des Schauspiels „Als der Krieg zu Ende war“ von dem Schweizer Max Frisch gesichert. Das setzte avantgardistischen Mut voraus. Denn seit der Freigabe des Stückes durch den Autor sind acht Monate vergangen, aber noch keine der großen westdeutschen Bühnen hat sich entschließen können, es herauszubringen. Meist wurden „sachliche Bedenken“ geltend gemachte Kunst unter dem Joch der Politik – selbst außerhalb Berlins: ein nicht unbedingt erfreulicher Tatbestand.

Die Baden-Badener Aufführung auf der rampen- und vorhanglosen Spielfläche eines improvilierten intimen Ateliertheaters (der ehemaligen Salle de lecture, der französischen Garnisonbibliothek) wurde der dramatischen Dichtung die Frisch übrigens in die Gattung der historischen Schauspiele, nicht in die der Zeitstücke, angereiht wissen möchte) vollauf gerecht. Der Regisseur Hans Bauer hatte allerdings eine hervorragende Vertreterin der weiblichen Hauptrolle zur Verfügung: Gabriele Reismüller vom Würtembergischen Staatstheater, Stuttgart. Mit der Horney verglichen, die die Rolle bei der vorihrigen Uraufführung in Zürich spielte, ist es gleichsam die bürgerliche Version der Agnes, dieses Ausnahmemenschen in einen: Ausnahmefall, der in den Tod geht, weil ihm der Verlust des Geliebten – in der Uniform des Siegers – gleichbedeutend ist mit dem Verlust des Daseins. Eine tragische Gestalt im Zwielicht der Berliner Nachkriegszeit also, deren Verkörperung eine starke menschliche Substanz, Schlichtheit der darstellerischen Mittel und ein inneres Verhältnis zum Wort des Dichters erfordert. Über all das verfügte der junge Gast, eine der stärksten Begabungen des deutschen Nachwuchses (Gabriele Reismüller wird in der nächsten Spielzeit bei Hilpert in Göttingen sein). Ihr Partner Alois Garg vom Südwestfunk, in der schwierigen, weil nahezu stummen Rolle des russischen Offiziers, besaß die notwendige Kraft der Ausstrahlung, die hier vorwiegend eine geistige war. Hans Andermanns Hauptmann Anders, der Gatte der Agnes, schien insgesamt zu verhalten und nobel; die Rolle müßte aber das unangenehm Opportunistische dieses dubiosen Charakters zum Ausdruck bringen, womit der Ehebruch der Gattin – um den als solchen es freilich nicht geht – „entschuldbarer“ würde. Ergreifend Günther Begerés Charakterstudie als Ghettojude.

Die Aufführung war sehr wirkungsvoll und hatte atmosphärische Eindringlichkeit, bis auf das Schlußbild, in dem die innere Spannung plötzlich nachließ. Die Szenen im Luftschutzkeller (die nur angedeutete Szenerie schuf Helmut Nötzoldt) stattete der junge Regisseur mit optischen Effekten aus, die die auf Tuchfühlung sitzenden Zuschauer in einen Zustand der Beklemmung versetzten. Es gab einen starken Premierenerfolg. Wolfgang A. Peters