Von Adrian Meierholt

Schlicßlich brannte das Osterfeuer dann doch noch. Die Feuer der Nachbarn hatten den Himmel schon an vielen Stellen aufgehellt und nur unseres wollte und wollte nicht brennen, weil es am Nachmittag geregnet hatte. Die Leute liefen um den riesigen Haufen Holz herum, der nach alter Gewohnheit für den Brand am Ostersonntagabend in der Karwoche zusammengetragen worden war, und hatten ihn schon von den verschiedenen Seiten angesteckt. Dann hatte es kurze Zeit geprasselt, aber bald nach der ersten Flamme war nur noch eine dicke, weiße Qualmwolke zu sehen. Und irgendein Mann hatte gesagt: „Es ist zu feucht geworden, es hat keinen Zweck.“ Und mein Bruder sagte: Wir wollen nach Hause gehen (er dachte daran, daß er mit uns schon eine Stunde über die vorgeschriebene Zeit geblieben war, daß mein jüngster Bruder sich ein Loch in die Sohle der neuen Schuhe gebrannt hatte, als er den Fuß auf ein schwelendes Stück Holz stellte, und daß der Kragen seines eigenen Matrosenanzuges schwarz von Ruß geworden war bei dem Versuch, die angebrannten Äste von den verschiedenen Seiten des Haufens auf einem Platz zusammenzutragen). Aber jetzt, da es brannte, war alles vergessen: mächtige Flammen flackerten zum Himmel, der wolkenverhangen, tröpfelnd und gänzlich ohne Sterne über uns hing.

Mein ältester Bruder hatte es an solchen Ostertagen immer am schwersten. Das kam, weil er dem Osterhasen – will sagen meiner Mutter – beim Verstecken der Eier helfen mußte. Als meine Geschwister mehr wurden und meine Mutter älter, hatte sie ihn zu diesem Ehrenamt bestellt. Am frühen Ostersonntagmorgen versahen beide diese Beschäftigung mit Leidenschaft. Später geschah es bisweilen, daß nicht alle Nester wiedergefunden wurden und die beiden die Verstecke vergessen hatten. Dann war guter Rat teuer, und mein armer Bruder war immer an allem schuld. Aber im Mai, wenn unsere Gartenhecke beschnitten wurde und die abgefallenen Äste in einem Handwagen aufgesammelt wurden, paßten wir auf: und zwei-, dreimal fanden wir ein zusammengedrücktes Nest, in dem alle Farben ineinander gelaufen waren vom vielen Frühlingsregen. Gehalten hatten sich nur die grellbunten Ostereier mit der billigen Zuckerfüllung: sie waren so steinhart wie immer, und man biß sich im Mai noch genau so die Zähne an ihnen aus wie zu Ostern.

Früher freilich, als meine Mutter noch jünger war, hatte sie mehr Erfolg mit dem Eierverstecken. Mein ältester Bruder glaubte noch an den Osterhasen, als der Weihnachtsmann und sogar der Klapperstorch schon längst als Schwindel entlarvt waren. An unser Haus grenzte, eine Wiese, auf der sich im März und April – also um Ostern – die Hasen tummelten. Meine Mutter nun färbte schon in der Woche vor dem Fest einige Eier. Morgens, wenn mein Bruder noch schlief, versteckte sie die im nassen Gras. Mein Bruder stand dann den ganzen Tag am Fenster, und sobald er mit Hilfe meiner Mutter einen der vielen Hasen als Osterhasen herausgefunden hatte (und meine Mutter hatte damals noch genau im Kopf, wohin sie die Eier gelegt hatte), eilte er mit ihr hinaus, und sie ließ ihn das von dem Hasen gerade frisch gelegte Ei finden. Solch handgreiflicher Beweis hielt den Skeptiker lange bei der Stange. Später gestand er einmal, die Eier damals hätten sich sogar frisch und warm angefühlt. Wie muß er enttäuscht gewesen sein, als er diesen liebevoll raffinierten Betrug entdeckte.

Ein beliebtes Spiel war es auch, die Ostereier nach dem offiziellen Suchen noch einmal zu verstecken. Es hat zwei bis drei Ostern gedauert, ehe wir merkten, daß dies das große Suchen nur abschwächte. Auch begann es während dieser Veranstaltung meistens schon zu regnen. Denn das gehörte dazu: das ängstliche Hinausstarren in den Regen, der mit jedem Tropfen die Hoffnung auf das brennende Osterfeuer geringer werden ließ. – Aber die Zeiten, da man ein Feuer nur zur Freude seiner Mitmenschen und des lieben Gottes anzündete, gingen vorbei. Es kamen Jahre, in denen Feuer aufloderten, die kein Regen mehr löschte, und die nicht Holz, sondern Städte, Häuser und Menschen verbrannten. Die Erinnerung daran war es wohl, die meinen ältesten Bruder bewog, sich im letzten Jahre von einem hell aufflammenden Osterbeuer rasch abzuwenden. Für ihn sind mit dem Feuer zu viel grausige Erinnerungen verbunden. Er gehört zu den Menschen, die es vielleicht nie mehr übers Herz bringen, in der Flamme ein Symbol der Freude und des Lichtes zu sehen.