Von O. Anisimow

Die ungemischte Freude des Weihnachtsfestes spricht ein russisches Herz weniger an, als das Wunder des Osterfestes. Und Ostern ist für einen Russen ohne eine lange Vorbereitung überhaupt undenkbar. Der tiefe Sinn des Festes – das plötzliche Auflösen einer schwermütigen Trauer in den Jubel einer Lebensbejahung: der Tod ist überwunden – findet Widerhall in jeder echten russischen Seele.

Je näher das Fest, desto strenger das Fasten, desto größer die geistige und körperliche Anstrengung, die die langen ernsten und traurigen Gottesdienste erfordern. Aber innerlich spürt man schon die Gewißheit der baldigen Auferstehung, der bevorstehenden großen, übernatürlichen Freude.

Für einen Russen außerhalb seiner Heimat hat die symbolische Bedeutung des Osterfestes, dieses Sieges des Guten über das Böse, noch nie einen so tiefen Sinn gehabt wie jetzt. Denn jeder gläubige Russe sieht in der Auferstehung Christi ein Symbol der Befreiung seines Landes, und dieses Thema erklingt wie ein Leitmotiv in allen Predigten der griechisch-orthodoxen Priester im Auslande während der Osterwoche: – Erlöse unser Vaterland von der Herrschaft des Bösen! Je länger und bitterer die Trennung von der Heimat, je trauriger das Schicksal des eigenen Volkes, je unsicherer die Zukunft, desto stärker muß der Glaube an das Gute sein.

Das Osterfest, das ich 1943 im besetzten Pleskau erlebt habe, war das schönste meines Lebens, obwohl es ein unruhiges Fest mitten im Kriege war. Aber in der Osternacht waren alle irdischen Sorgen vergessen. Ich war nicht mehr im Auslande. Ich war kein Fremder, kein Emigrant. Ich stand wieder auf der Erde meiner Vorfahren, umgeben von meinen Volksgenossen, von denen ich fünfundzwanzig Jahre lang getrennt war. Um mich herum sah ich tiefernste Gesichter, forschende Augen: das lebendige Rußland von heute. Und ich wollte in ihnen die Verwirklichung des Wunschtraumes sehen, der mich in meinem fünfundzwanzigjährigen Exil begleitet hatte. Sie erzählten mir die kurzen, meist äußerlich so eintönigen Geschichten ihres Lebens in der Sowjetunion, Geschichten, deren Armut reich war, weil darin das kleinste persönliche Erlebnis durch seine Seltenheit zu einem großen Ereignis wurde.

Ein junger russischer Künstler, der bei dem örtlichen Kloster eine Ikonenwerkstatt leitete, hatte mich in seiner kleinen Zelle untergebracht und seinen Freunden vorgestellt. Es war sechs oder sieben Uhr abends – zu früh, um zu, dem Ostergottesdienst zu gehen, der erst in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages enden wird. „Seid ihr auch zu Hause in die Kirche gegangen?“ fragte ich meine neuen Freunde. „Selbstverständlich!“ antworteten sie mir im Chor. „Wissen Sie denn nicht, daß es in der Sowjetunion eine sogenannte Katakombenkirche gibt? Daß vielfach mehrere Familien sich zusammentun und heimlich von einem bekannten Priester, der längst keine Gemeinde mehr hat, in irgendeinem Privatzimmer Gottesdienste abhalten lassen? Heimlich tauft man die Kinder, heimlich sagt man die Seelenmesse für die Gestorbenen. Natürlich tun es nicht, alle. Aber kein wirklich gläubiger Mensch besucht die ‚offizielle‘ Kirche.“

Ich weiß nicht, ob alle meine jungen Freunde selbst gläubig waren. Aber ein neues freies Rußland – darin stimmten wir alle überein – war ohne unsere alte griechisch-orthodoxe Kirche vollkommen undenkbar. Keiner von uns konnte unsere Kirche vom Gesamtbild unseres zukünftigenRußlands, an dessen Entstehen wir in den Kriegsjahren so fest glaubten, wegdenken. So rückten wir – zwei Generationen, die voneinander nur Schlechtes gehört hatten – im riesigen Schatten unserer Kirche immer näher zusammen.