An dieser „Widerspenstigen Zähmung“ in den Kammerspielen der Städtischen Bühnen, Lübeck, ist alles dran: Synkopen und Rumbakugeln, Ringelsöckchen mit halblangen Slacks (wie man in Amerika die modernen Hosen für Damen nennt), eine Jazzband, Chansons, Armbanduhren,. Zigaretten, West- und Ost-Mark, ein Dialog, über Picasso, ein Roller und ein Fahrrad.

Als Petruchio bei Herrn Battista in Padua direkt aus Verona angeradelt kam und das Vehikel noch dazu den Namen einer Fahrradfirma in großen Lettern trug, wurden einige Leute, die ihren Bedarf offenbar bei anderen Firmen decken, unruhig. Aber da die Herren mit dem Fahrradfachwissen nichts von Zwischenrufen verstanden, versickerte der Theaterskandal, der gerade sein Haupt erheben wollte, in einem stürmischen Beifall. Dabei hatten viele so auf diesen Skandal gehofft. Er war inoffiziell sozusagen „angekündigt“; er saß in den Kehlen mancher Leute, hockte in ihren Hosentaschen in Gestalt schlanker Trillerpfeifen. Aber sie trauten sich nicht zu trillern. Schade – wo das Theater nichts so braucht wie einen hübschen, ausgewachsenen, nahrhaften Theaterskandal. Denn die „Krise des Theaters“ basiert unter anderem auf Lethargie. Was sich nun erst mühsam herumsprechen muß: daß man sich hier grün und blau ärgern und dito amüsieren kann, das wäre bei einem richtigen Skandal schlagartig in die Gemüter hineingeblendet worden, und die Leute wären schnurstracks zur Kasse geeilt, um sich einen Platz für die nächsten Aufführungen zu sichern.

Es handelt sich also um des großen William Shakespeare bekanntes Lustspiel. Auf dem Programm steht ergänzend: „Zum erstenmal in freier Übertragung von Viktor Warsitz“. Und dieser Doktor Warsitz hat einen „Atomcocktail“ mit alten Anklängen und neuen selbsterfundenen Versen gemixt. Er hat Chansons hineingepfeffert und moderne Bezogenheiten eingeflochten, wo es nur ging. Er hat zu den Stimmungen von ehedem einen Zuschuß von Broadwaymelodie hinzugetan. Und das Rascheln der Rumbakugeln mischt sich mit dem Flüstern der Liebenden. Die Streitfrage, ob man so etwas „machen darf“ oder nicht, ist uralt: Es hat stets Stimmen dafür und dagegen gegeben. Es wäre sinnlos, zu verkennen, daß in der Methode auch Gefahren liegen. Aber den Leuten vom Theater sitzt die Krise im Genick, und das steht fest: der Trott schafft es nicht.

Bearbeitung und Inszenierung sind zweifellos unerhört frech. Aber die Erfahrung lehrt, daß die Leute mit den Wagenladungen schwer fundierter Bedenken zumeist Frei- oder Steuerkarten beziehen und sowieso regulär keinen Eintritt bezahlen. Die anderen hingegen sind hier einmal auf ihre Kosten gekommen.

Die unbekümmerte, raffinierte Turbulenz der Inszenierung (Dr. Warsitz) ist mitreißend. Selbst die Leute mit den Trillerpfeifen kriegten stellenweise den Mund nicht mehr zu, wodurch auch die schönste Pfeife illusorisch, wird. In Brigitte Drummer und Vera Eckert hatte der Regisseur zwei ebenso unterschiedliche wie charmante Schwestern. Der Petruchio Sepp Bommers, der zur Hochzeit in der „Krachledernen“ mit Boogie-Woogie-Hemd erscheint, ist ein Prachtkerl, dem man alles glaubt. Alfons Höckmann ein smarter Lucentio. Auch die übrige Besetzung bunt und wirksam. Die Kostüme Gerda Schultes witzige Parodien modern-exzentrischer Aufmachung, mit einem Einschlag ins Phantastische. Dazu ein reizvolles Bühnenbild in schwarz-weiß von Paul Walter, das wie eine mathematische Formel wirkt. Die Jazzrhythmen schuf Wolfgang Ebert echt und spritzig, die Jazz-Band leitete Erika Simang.

Der Referent gesteht, daß er sich königlich (sagen wir besser: shakespearisch) amüsiert hat. Selbst auf die Gefahr hin, daß Shakespeare – wie manche ehrwürdige Theaterbesucher vermuteten – „sich im Grabe herumdrehte“, sofern er ein Pedant gewesen sein sollte, was aber keineswegs erwiesen ist. Es gibt namhafte Literaturkenner, die das Gegenteil behaupten. Und der Referent denkt, daß ein so großer Geist auch uns armen Hascherin von heute gegenüber großzügig sein wird. Karl N. Nicolaus