Wie wenig europawirtschaftliche Einsicht in der französischen Nationalversammlung herrscht, zeigt der Beschluß ihres außenpolitischen Ausschusses: Westdeutschland solle keinesfalls eine Erhöhung der deutschen Stahlquote über die „gestatteten“ 11,1 Mill. t hinaus zugestanden werden. Irgendwer – also der politisch Schwächste – muß ja dazu angehalten werden, die in den neuen Hüttenwerken nach offensichtlich rein nationalen „Behagen“ investierten Marshall-Dollar Frankreichs rentierlich zu machen. Doch eine vernünftigere Stimme hören wir bereits aus Paris. Clement schreibt in „Le Monde“ vom 25. März, daß das Stahlproblem Deutsche und Alliierte nicht länger trennen dürfe. Er versucht also erneut, Frankreich zu bewegen, sich aus seiner Deutschland-Konzeption „Ausgabe 1945“ endlich zu lösen. In diesem Zusammenhang macht er den interessanten Vorschlag, man solle Deutschland eine gleitende Stahlquote zugestehen mit der Auflage, daß jede an der Ruhr über die ll,l-Mill.-t-Grenze hinaus produzierte weitere Million mit einer Million Stahlimport zu verbinden wäre. Als Lieferanten denkt er an Frankreich, später Belgien und Luxemburg.

Diesen. Kompromiß hat die westdeutsche Eisen- und Stahlindustrie aufgeschlossen gelesen. Aber an der Ruhr meint man, daß zumindest über den Kompensationsschlüssel von 1:1 gesprochen werden müßte; denn letztlich bedeute Stahlimport nach Deutschland nur Unharmonisches. Frankreich beschimpfe uns, „nationalen Stahl-Fetichismus“ zu treiben. Es käme auf die Gegenprobe an.

Wenn OEEC in Paris für 1952 eine europäische Stahlüberproduktion von 5 bis 7 Mill. t prophezeit – und dies der deutschen Stahlindustrie als brüderliche Warnung vorgehalten wird –, so ist das bis heute nur ein statistisches Spiel (– mit politischer Auftraggebung?). Wir notieren zudem, daß in Genf auch die Kohlenzukunft „verplant“ und für Mitte 1950 der „größte unverkäufliche Kohlenbestand der europäischen Kohlenwirtschaft seit Anfang der dreißiger Jahre“ angekündigt wurde. Soll die Genfer Prognose schon eine Vorankündigung sein, daß Deutschland – die Verbindung zum Stahl liegt nahe – demnächst seine Kohlenförderung einschränken muß und sich an Kohlenimporten gegen Dollar erquicken darf? „Planen“ die Nationalisten in Europa unter dem Deckmantel einer Europa Wirtschaft, wie sie sie verstehen, dann werden Stahl und Kohle noch heißere Eisen, als sie es schon sind, und Deutschland wird noch skeptischer. Rlt.