John Lewis, Führer der amerikanischen Bergarbeitergewerkschaft, hat am 4. März nach neun Monaten den Kampf um einen neuen Bergarbeitervertrag gewonnen. Damit hat er einen Präzedenzfall für die „Vierte Runde’ geschaffen, das heißt für die vierte Erhöhung von Löhnen und Abgaben für einen Wohlfahrtsfonds seit 1945, der jetzt auch die anderen Gewerkschaffen veranlassen soll und wird, nun ihrerseits zur „Vierten Runde“ anzutreten. Schon steht die Gewerkschaft der Vereinigten Automobilarbeiter mit 89 000 Mann im Streikkampf gegen Chrysler, und die Verhandlungen über den im Mai ablaufenden Vertrag mit General Motors stehen vor der Tür.

Die Produktionskosten für Kohle erhöhten sich durch den neuen von Lewis erzwungenen Vertrag um 22 Cents je Tonne. Noch ist ungewiß, ob die Zechenbesitzer diese Mehrkosten tragen ober ob sie die Kohlenpreise heraufsetzen.

Diese Folgen des neuen Bergarbeitervertrages auf wirtschaftlichem Gebiet werden aber von den Auswirkungen auf dem politischen Sektor, die in einem Wahljahr von besonderer Bedeutung sind, noch weit übertroffen. Lewis hat den Streik der Bergarbeiter bewußt zu einem Erprobungsfall für das arbeiterfeindliche Taft-Hartley-Gesetz gemacht, wobei er geschickt verstand, die notorische Gegnerschaft des Präsidenten gegen das Gesetz für die Zwecke der Gewerkschaft einzuspannen. Durch seine unnachgiebige Haltung zwang er den Präsidenten, die „Sklaven“-Bestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes anzuwenden, um anschließend zu beweisen, daß selbst die Anwendung dieser Bestimmungen unwirksam war. Damit hat er nicht nur allen politischen Gegnern des Präsidenten wirksame Angriffswaffen in die Hand gegeben, sondern auch bis weit in die Reihen trumantreuer Demokraten Verwirrung angerichtet. Jedenfalls ist schon heute von einem Widerruf des Taft-Hartley-Gesetzes, der von Truman und den Demokraten zum Hauptagitationspunkt bei den letzten Wahlen gemacht worden war, nicht mehr die Rede. Im Gegenteil, dem Kongreß liegen bereits mehrere Anträge zur Erweiterung des Gesetzes vor, mit denen die Maschen geschlossen werden sollen, durch die Lewis hindurchschlüpfte. Der wichtigste dieser Anträge sieht vor, daß die Gewerkschaften in die Antikartellbestimmungen der Sherman-Akte eingeschlossen werden sollen.

Lewis weiß, daß er während des Streiks mit sehr gefährlichen Waffen gekämpft hat, deren Einsatz sich eines Tages gegen die Gewerkschaften selbst richten könnte. Darum hat er sofort nach Unterzeichnung des neuen Vertrages Philipp Murray, dem Präsidenten der zweitgrößten gewerkschaftlichen Dachorganisation CIO und gleichzeitigen Führer der Stahlarbeitergewerkschaft, vorgeschlagen, daß die Bergarbeiter, Stahlarbeiter und andere verwandte Gewerkschaften sich zu „einem gegenseitigen Beistandspakt zur gemeinsamen Verteidigung“ zusammenschließen sollten. Außerdem bot er Walther Reuther, dem Führer der Automobilarbeiter-Gewerkschaft, eine Anleihe in Höhe von 1 Mill. Dollar für den Kampf seiner Gewerkschaft um die „Vierte Runde“ an. Einstweilen sind die Vorschläge und Angebote bei Murray und Reuther auf Ablehnung gestoßen, wofür allerdings hauptsächlich persönliche Gründe maßgebend gewesen sein dürften. Beide befürchten, daß sie sich bei einer Zusammenarbeit dem „Diktator“ Lewis beugen müßten. Lewis aber ist nicht der Mann, der sich durch derartige Widerstände von der Verfolgung einmal gefaßter Pläne abbringen läßt. Kommt er mit den Führern anderer Gewerkschaften nicht weiter, so wird er sich direkt an die Arbeiter wenden, bei denen er als der erfolgreichste aller Gewerkschaftsführer in hohem Ansehen steht. Eine neue Phase in der Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung in den USA steht also zweifellos bevor. Sie läuft letzten Endes auf einen Zusammenschluß der einzelnen Gewerkschaften zu einem mächtigen Block hinaus. Ein solcher Gewerkschaftsblock könnte zu einem der maßgebendsten Faktoren in der Innen- und Außenpolitik der Vereinigten Staaten werden, Seine Politik würde die herkömmlichen Grenzen der parlamentarischen Demokratie endgültig hinter sich lassen. Ernst Krüger