II. Kinder, denen die Sonne versank – Die Sorge um die Schulentlassenen

Von Jan Molitor

Daß für die Halbwüchsigen, die zum Oster-Termin aus den Schulen entlassen wurden, zu wenig Lehrstellen zur Verfügung stehen, ist eine der großen Sorgen von heute. Besonders hart sind hier wiederum die Kinder der Flüchtlinge betroffen und unter ihnen vor allem die Waisen. Sie sind die Opfer der Nachkriegszeit, die unserer Hilfe am meisten bedürfen. Mit diesem Aufruf möchte die "Zeit" ihren Bericht schließen, den sie in der vorigen Ausgabe mit Schilderungen aus dem Schicksal der Flüchtlings-Waisen begann. Fünf Jahre sind nun vergangen, seit sie auf weiten, gefährlichen Fluchtwegen in den Westen Deutschlands geschwemmt wurden. Tausende unter den elternlosen Kindern sind auf der Flucht gestorben und verdorben. Sollen die überlebenden auf dem kleinen Wege zum Beruf jetzt steckenbleiben? Viele – soweit sie in Jugendheimen erzogen wurden – fürchten sich vor "dem Leben da draußen", vor der Welt der Erwachsenen. Gewöhnt an das karge Dasein ihrer aus der Not geprägten Gemeinschaft, klammern sie sich daran fest. Dennoch sind diese Kinder, die so viel Entsetzliches erfahren haben, wie in Deutschland noch keine Generation zuvor, durch und durch lebenstüchtig. Ja, sie sind mißtrauisch und sind doch voller Hoffnung und gutem Willen. Dies begreift man immer wieder, sobald man sie in ihren "Heimen" aufsucht, ihren Erzählungen lauscht...

Und da ist nun einer namens Otto. Ein offener Junge von vierzehn Jahren, der gut erzählen kann, wenn auch aus seiner eigenen Perspektive ... "Sie kenn’ doch nich den Jörg, nich? Der hat ’nen kleinen Hof am Watt, kein’ Frau, kein Kind, kein’ Katz’. Der Alte kommt hier an, mit seinem Glatzkopf und seinen langen Armen, stinkt vier Meter gegen ’n Wind, pfui Deibel, schreit beim Verwaltungsbüro zum Fenster rein: ‚Da bin ich nu, das Kind aussuchen!... Vierzehn Jahre muß es "sein und muß auch Muskeln haben...‘ Der Karl is in der Nähe gestanden, einer von uns. Der natürlich macht sofort den Doofen, damit der Jörg ihn nicht gleich schnappen tut, und fängt das Humpeln an und humpelt an Jörg vorbei um die Barackenecke und – ätsch! – zu uns und meldet es..."

"Wieso ist Karl einer von euch? Seid ihr die mit den Muskeln, die Halbstarken?"

Otto bestätigt es und fährt erbittert fort: "Der Jörg kommt rein und will sie alle prüfen. Wir hui durch das Fenster und nichts wie ab. Und nu der Jörg! Er guckt die Jungens an, die sich kriegen ließen. ‚Maul auf! Zunge raus. So, und nu zeig mal deine Muskeln! Mach mal krumm!‘ Dann geht er zum nächsten. Wir zu der Mädels-Baracke! Ans Fenster geklopft ‚Wollt ihr mal ’n Buhmann sehn? Guckt raus!‘ Die fangen gleich an zu schreien. Tante Dodo ruft: ,Keine Angst! Ich pass‘ schon auf euch auf!‘ – ‚Wir passen auf uns selber auf, schreien wir und rennen in’n Wald und liegen im Busch, bis wir ’n Jörg weggehen sehen. Wer zappelt an seiner Hand? Der Peter, der kleene, die olle, schmächtige Kratzbürste, und heult und flennt: ‚Lassen Sie mich los, ich hab’ ja nichts gemacht, ich will auch immer artig sein.‘ – ‚Halt die Schnauze‘, sagt Jörg und schleppt ihn weiter. – Nu wir! Wir halten den Rat ab, und wenn er in drei Tagen nich wieder da is, der Peter – wir hin und tun ihn befreien." – Und Otto blinzelt und holt tief Luft.

"Wie habt ihr denn den Peter befreit?"