Von Pavle Goranitsch

Ein Interview des früheren Königs von Albanien, Achmet Zogu, der heute in Alexandrien lebt, mit einem amerikanischen Journalisten, scheint die Bedeutung Albaniens stark zu aktualisieren. Achmet Zogu machte Mitteilung von „Gerüchten“, daß Tito ein Angebot erhalten habe, man werde ihm freie Hand in Albanien lassen, sofern er auf seine Ansprüche auf Triest einschließlich der von jugoslawischen Truppen besetzten Zone B verzichte. Zogu verriet nicht, wer ein solches Angebot gemacht habe. Schwerlich können dies die Amerikaner oder Engländer getan haben, die befürchten müßten, eine Aktion Titos in Albanien könnte eine Aktion Stalins in Jugoslawien hervorrufen...

Wer heute mit dem Schiff in Durazzo ankommt,hat das Vergnügen, eineArt Eisenbahn bewundern zu können. Zwei Linien sind nach dem letzten Krieg von jugoslawischen Technikern gebaut worden, eine von Durazzo nach Pekin, eine nach Tirana. Sonst ist von der Modernisierung Albaniens durch die Kommunisten, von der so vieles, gerühmt wurde, nichts zu sehen. Das verhältnismäßig gute Straßennetz und die leidlich moderne Ölleitung stammen von den Italienern, desgleichen die wenigen ansehnlichen Regierungsgebäude in Tirana, die während der von Italien finanzierten Regierungszeit Achmet Zogus gebaut wurden. Im übrigen findet der Reisende, daß die albanische Wirtschaft heute den tiefsten Stand nach dem Kriege erreicht hat. Albanien hungert. Und es nähert sich offenkundig sehr schnell dem Punkt, wo es für eine Umwälzung reif ist. Zwar hält der kommunistische Diktator Enver Hodscha, seitdem er sich seines zeitweise übermächtigen Konkurrenten Kodschi Dschodsche entledigt hat, die Polizeimacht eisern fest in der Hand. Doch ist es ihm seit dem Zerwürfnis mit Tito nicht gelungen, bei – den Sowjets eine ausreichende wirtschaftliche Unterstützung zu finden. Der Norden des Landes gärt in bösen Unruhen unter dem Druck des – Hungers und der desolaten ökonomischen Verhältnisse. Bis heute hat dort der Widerstand gegen das kommunistische Regime nicht aufgehört.

Tito-Taktik im Kriege

Die albanischen Kommunisten hatten im Kriege eine Taktik verfolgt, die derjenigen ganz ähnlich war, die Tito in Jugoslawien angewandt hatte. Damals hatten die deutschen Truppen Albanien nur oberflächlich besetzt, ohne sich um die sogenannten Widerstandsgruppen zu kümmern. Nur zwei Gruppen, nämlich die royalistische Legalität, bestehend aus den Anhängern Zogus, und die republikanische Balli Kombetar, versuchten, der deutschen Besatzungsmacht Schwierigkeiten zu bereiten; die Kommunisten benutzten das, um beide Gruppen, teilweise durch Denunziationen, teilweise’ durch einen Bandenkrieg zu liquidieren. Ab 1944 fanden sie dabei Unterstützung bei den Engländern, die damals,ebenso wie bei der Auseinandersetzung zwischen Tito und Michailowitsch in Jugoslawien, vermeinten, auch in Albanien bei den Kommunistenwirksamere Bundesgenossen zu finden, und ihnen daher in einem gewissen Umfang Waffen und Geld gaben. Infolgedessen waren die Kommunisten, als die Deutschen abzogen, so weit die Herren der Lage, daß sie mit Unterstützung Titos die politischen Gegner zum größten Teil ausrotten konnten. Die führende Rolle dabei spielte der Innenminister und zweithöchste Offizier der sogenannten albanischen Armee, Generalleutnant Dschodsche, der seinen Machtapparat so stark ausgebaut hatte, daß der Ministerpräsident und Oberbefehlshaber Hodscha, von Dschodsches Spitzeln und Kreaturen umringt, nur mehr eine formale Rolle spielte.

Als im Juni 1948 der Bruch zwischen Tito und Moskau kam, war die Sowjetunion, die sich bis dahin um Albanien kaum zu kümmern brauchte, das sie der Führung durch Tito überlassen hatte, plötzlich auf das kleine Land angewiesen. Denn der griechische Bürgerkrieg bedurfte nach dem Ausfall Jugoslawiens um so mehr der albanischen Basis. Der Sowjetunion kam dabei zugute, daß die Mehrzahl der albanischen Kommunisten das arrogante Auftreten der Tito-Leute in Tirana ebenso satt hatten wie diese das Auftreten der Russen in Belgrad. Auch glaubten sie nicht, daß Tito sich lange werde halten können. Deshalb schwenkte Albanien auf den Moskauer Kurs ein, und die Sowjetregierung mußte zwischen Hodscha und Dschodsche entscheiden.

Ein jugendlicher Diktator