Prophezeiung für „50 Jahre vor 2000“

Bei seiner Ankunft in Rom und unmittelbar vor seinem Besuch beim Heiligen Vater sagte kürzlich der Erzbischof von New York, Francis Kardinal Spellman: „Wir hoffen und streben nach Frieden, doch müssen wir als Katholiken stets bereit sein zu sterben, die Anzeichen, die den Greuel der Verwüstung ankündigen, mehren sich.“ Der Kardinal berief sich auf einen führenden amerikanischen Physiker, der die Konstruktion einer Bombe für möglich erklärt hat, die alles menschliche Leben auf Erden mit einem Schlage auszulöschen vermag.

Das Wort vom „Greuel der Verwüstung“ steht im Matthäus- und im Markus-Evangelium (24, 15 und 13, 14), wo Jesus Christus den Weltuntergang und das Gericht ankündigt. Nach den Evangelisten werden dem Weltuntergang Kriege und Morde vorangehen, eine ungerechte Justiz und die Flucht der Menschen, bis dann die Sonne sich verfinstert, der Mond kein Licht mehr gibt und die Sterne vom Himmel stürzen. Es liegt nahe, das Bibelwort vom Greuel der Verwüstung auf das Atomzeitalter zu beziehen, da zum ersten Male ein Mittel der Verwüstung von kosmischem Format der Menschheit in die Hände gegeben ist, und zwar einer Menschheit, deren Moral begonnen hat, so tief zu sinken, daß sie in der Tat schon dabei zu sein scheint, die angekündigte Kumulation von Kriegen, Morden und Justizmorden zustande zu bringen, von der die Evangelisten sprechen.

Es ist allerdings nicht das erstemal, daß diese Bibelstelle gerade auf unsere Zeit bezogen wird. Sondern das hat, in ihrer Unschuld, schon vor mehr als hundert Jahren die berühmte Seherin Anna Katharina Emmerich getan, die noch nichts ahnen konnte von der Entwicklung, die im folgenden Jahrhundert die physikalische Technik aufwärts und die Staatsmoral abwärts nehmen sollte. Heute aber erscheint uns der Wahrheits- oder doch Wahrscheinlichkeitsgehalt ihrer Gerichte so aktuell, daß man einige ihrer Worte aus dem Jahre 1823 den Worten des Kardinals Spellman aus unseren Tagen an die Seite stellen möchte.

Anna Katharina Emmerich war ein westfälisches Bauernkind, das in unmündigem Alter freundliche Visionen der Mutter Gottes und des Jesuskindes hatte, später aber in der Folge eines Gesichtes, wobei ihm Christus in der Kirche einen Blumenstrauß und eine Dornenkrone anbot, an Stirn und Händen stigmatisiert war. Nachdem Katharina Emmerich eine Zeitlang im Kloster war, das aber im Zuge der der Französischen Revolution auch in Deutschland folgenden Säkularisierungswelle aufgelöst wurde, verbrachte sie die letzten anderthalb Jahrzehnte ihres merkwürdigen Lebens fast ohne Nahrung auf dem Krankenlager in dem westfälischen Städtchen Dülmen, wegen ihrer Stigmatisierung von den einen verehrt, von den anderen geschmäht. Sie hätte wahrscheinlich ihren Ruhm nicht erlangt, hätte sich nicht in ihren letzten Lebensjahren – sie starb im Jahre 1824 fünfzigjährig – der Dichter Clemens Brentano für sie interessiert, ja, an ihr inspiriert, und zwar zu einem der ergreifendsten Werke der Weltliteratur, nämlich zu dem Buch „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi“, das man nur mit der größten Rührung lesen kann. Dieses Buch beruht auf Katharina Emmerichs Erzählungen von ihren Visionen, die Brentano täglich genau aufgezeichnet hat. Brentano sagt in der Einleitung, daß die darin enthaltenen Betrachtungen „nicht den mindesten Anspruch auf den Charakter historischer Wahrheit“ erheben, womit er aber wahrscheinlich nur andeuten will, daß er für die Übereinstimmung der Visionen mit der historischen Wirklichkeit nicht einstehen möchte. In Wahrheit entspricht die mehrere hundert Seiten umfassende Leidensgeschichte in den Hauptfakten ziemlich präzis den Evangelien, die der Seherin natürlich bekannt waren und ohne Zweifel die Grundlage ihrer Gesichte bildeten, sie ist aber weitaus ausführlicher und, gemäß der dichterischen Kraft dies Autors, von tiefster, manchmal kaum mehr erträglicher Wirkung.

In dieser Leidensgeschichte findet sich auch eine Vision vom Abstieg Christi zur Hölle. Darin heißt es wörtlich: „Als die Tore (der tiefsten Sphäre) von den Engeln aufgestoßen worden, sah man in ein Gewühl von Widersetzen, Fluchen, Schimpfen, Heulen und Wehklagen. Ich sah, daß Jesus die Seele des Judas anredete. Einzelne Engel warfen ganze Scharen von bösen Geistern nieder. Alle mußten Jesum erkennen und anbeten, und dieses war ihnen die furchtbarste Qual. Eine große Menge wurde in einem Kreis um andere herum gefesselt, welche dadurch gebunden wurden. In der Mitte war ein Abgrund von Nacht, Luzifer ward gefesselt in diesen geworfen und es brodelte schwarz um ihn. Es geschah alles dieses nach bestimmten Gesetzen, ich hörte, daß Luzifer, wo ich nicht irre, 50 oder 60 Jahre vor dem Jahre 2000 nach Christus wieder auf eine Zeitlang solle freigelassen werden. Viele andere Zahlenbestimmungen weiß ich nicht mehr. Einige andere sollten früher zur Strafe und Versuchung freigelassen werden ...“

Die Menschheit lebt gerade jetzt „50 Jahre vor dem Jahre 2000 nach Christus“, sie ist im Besitz der entsetzlichsten Zerstörungsmittel, die je ausgedacht wurden. Im letzten Jahrzehnt ist unbestreitbar ein nie erreichter Rekord an Gewalttaten jeder Art aufgestellt worden – auch der Skeptiker, der das „zweite Gesicht“ ins Reich der Fabel zu weisen gewohnt ist, wird sich daher der zu Ostern 1823 ausgesprochenen Prophezeiung der Katharina Emmerich nicht ganz verschließen können. Zumal da der Name Luzifer, so anschaulich die Visionen der Seherin immer gewesen sein mögen, bei Brentano eigentlich als Synonym für das Böse, für das Unmoralische steht.

W. F.