Probefahrt des Gasturbinen-Autos – Eine umwälzende Entwicklung

In dem halben Jahrhundert, das seit der Geburtsstunde des Automobils vergangen ist, hat eine gewaltige Entwicklung stattgefunden. Aber doch eben nur eine Entwicklung. Der Automotor, so leistungsfähig er schließlich auch geworden ist, ist im Prinzip doch der alte geblieben, ein Explosionsmotor, der in Takten arbeitet, mit allen seinen Schwächen. Jetzt hat zum erstenmal die englische Automobilfabrik Rover die Welt mit einer bahnbrechenden Neuerung überrascht. Sie führte vor einigen Tagen den ersten Gasturbinen-Wagen vor, der in seiner Einfachheit wie in seiner Leistung so erstaunlich ist, daß sein Auftreten möglicherweise innerhalb eines Jahrzehnts dem guten alten Viertakt-Motor den Garaus machen könnte. Das ist eine gewaltige Perspektive. Man darf vermuten, daß die amerikanischen Fachleute sich den englischen Turbinen-Wagen sehr aufmerksam ansehen werden, wenn er im nächsten Monat auf der New Yorker Autoausstellung auftaucht.

Wie arbeitet der Turbinenantrieb?

Die Gasturbine, die im Flugzeugbau schon seit Jahren angewandt wird, mußte den Bedürfnissen des Kraftwagens angepaßt werden. Rover hat die Turbine, deren Prinzip etwa dem eines gewöhnlichen Ventilators ähnlich ist, für den Autoantrieb durch folgende Anordnung brauchbar gemacht:

Ein Kompressor, der zunächst durch eine elektrische Startmaschine in Betrieb gesetzt wird, preßt Luft in zwei Verbrennungskammern. In den Verbrennungskammern wird durch Düsen mit Hilfe von Pumpen, die gleichfalls zuerst von der Startmaschine in Betrieb gesetzt werden, Brennstoff zugesetzt, so daß ein Gemisch entsteht, welches durch elektrische Zündung verbrannt wird. Der Verbrennungsprozeß entwickelt wie eine Explosion hohe Temperatur und eine radikale Ausdehnung des Gases und somit einen gewaltigen Druck auf eine dahinter angeordnete Turbine, welche nunmehr durch den Gasdruck in Rotation gerät. Sie erreicht in wenigen Sekunden eine Drehzahl von einigen Tausend pro Minute und betreibt nun ihrerseits den Ansaugkompressor und die Pumpen, während sich Starter und Zündung automatisch ausschalten, als überflüssig, weil der Verbrennungsprozeß nunmehr kontinuierlich weitergeht. Bei 7000 Umdrehungen pro Minute läuft der Apparat etwa wie ein gewöhnliches Auto auf „Leerlauf“. Kurz hinter dieser Turbine, die den Kompressor und die Pumpen antreibt, befindet sich eine zweite Turbine, welche den ganzen Druck aufzunehmen hat, der von der ersten Turbine für die verhältnismäßig geringe Arbeitsleistung des Kompressors und der Pumpen nicht verbraucht ist. Diese zweite und letzte Turbine, Kraftturbine genannt, ist mit einer entsprechenden Untersetzung direkt mit der Hinterachse gekuppelt. Sie steht still, solange die Bremse angezogen ist. Und sie fängt an zu rotieren, wenn die Bremse freigegeben wird, wobei sie, infolge fester Verbindung mit der Hinterachse, den Wagen mitnimmt.

Wer sich diese Arbeitsweise klargemacht hat, wird sofort verstehen, daß das Turbinenauto weder Kupplung noch Schaltung – außer zum Rückwärtsfahren – benötigt, weil das Medium der Kraftübertragung zwischen den beiden Turbinen nicht aus starren Wellen, sondern aus elastischem Gas besteht, so daß die zwei Turbinen verschieden schnell laufen können, genau wie es der Belastung entspricht, die die Kraftturbine zu tragen hat. Man benötigt zum Fahren also nur noch Gashebel und Bremsen.

Die Probefahrt