Stil und Ausdruck der Ikonenmalerei

Von C. 11. W. Wendl

Die einmal sehr treffend als die parabyzantinische Kunst des Europäischen Ostens bezeichnete Ikonenmalerei blieb bis heute völlig im Schattenwinkel dreier großer Forschungsgebiete: der christlichen Archäologie, der frühchristlichen und der byzantinischen Kunst. Dabei würde nicht nur Umfang und Qualität des erhaltenen Kunstgutes und die alle westlichen Stilphasen unberührt überdauernde Zeitspanne ihrer Ausübung, sondern in erster Linie ihr überaus charakteristischer Stil und ihre besondere Ausdrucksform eine Bearbeitung rechtfertigen, die zugleich einen wichtigen Zugang zum Verständnis des christlichen Ostens überhaupt eröffnen könnte. Die Gründe für diese Beschattung liegen darin, daß alle ästhetischen Begriffe westlicher Prägung in dieser ganz kirchlich gebundenen Kunst einer Abstimmung auf die ihr eigenen religiösen Gegebenheiten bedürfen und zwar einer Abstimmung auf die besondere Form ostchristlicher Religiosität. Sind auch allein von kunst-ästhetischer Betrachtungsweise her die Ausdrucksformen dieser Kunst nicht auszukosten, so bieten ihre über Jahrhunderte hin unveränderten Grundzüge doch andrerseits die Möglichkeit, auf Verbindung und Zusammenfassung weisende Eigentümlichkeiten aufzuzeigen und so vergleichend zu einer gewissen stilkritischen Standortbestimmung zu gelangen.

Ein vielgestaltiges Erbe aus Antike und Orient, ein stilbestimmender Einfluß aus frühchristlichrömischer Reichskunst und die Wiege im staatskirchlichen Byzanz prägen um das Jahr 1000 den Typus der Ikone, der über die Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert hinaus bis zu ihrem Ende im neunzehnten sein Gesicht nicht mehr verändert. Im byzantinischen Bilderstreit hat die östliche Kirche die vorhandenen Ausdrucksformen für „authentisch“ erklärt und ihre Verwendung als heilsnotwendig ans Dogma gebunden. Damit wurde für alle Zeiten verbindlich der enge Rahmen vorgeschrieben, in dem sich von nun an die Entwicklung vollzieht. Alles, was uns im Laufe der Zeit vielleicht zunächst als neu imponiert, ist im Grunde nur stilgerechte Angleichung neuer Vorwürfe an alte Ideen und Vorstellungen. So bleibt die Ikonenmalerei Zeit ihres Bestehens jener eigentümlichen mittelalterlichen Sehweise zwischen ausgehender Antike und früher Renaissance verhaftet, in der der Raum unräumlich in der Fläche aufgeht. So erklärt sich auch die augenfällige Stilverwandtschaft der Ikonenmalerei zur romanischen Bildnerei, zur maniera greca der italienischen Malerei und – wenn man so will – auch zum Expressionismus und zur Moderne.

Doch eins unterscheidet die Ikonenmalerei grundsätzlich von den ihr stilverwandten Westformen und sperrt ihr zugleich jegliche Anteilnahme an der Ablösung mittelalterlicher Sehweise durch die Renaissance: das ist die ganz andere Auffassung vom Wesen eines Bildes oder Abbildes überhaupt. Die Ikonenmalerei löst sich nicht von ihrem frühen Erbe, der platonischen Verklärung des Diesseitigen und dem geschehenslosen Mystizismus des Orients. Die Bilder der heiligen Personen haben als eidos Teil an ihrem Prototypus, deren Schatten oder Abdruck sie sind. Nicht die Beschaffenheit des Bildes, seine Porträtähnlichkeit ist maßgebend, sondern ausschließlich die durch das Bild ausgelöste Beziehung zum Betrachter. Es wird keine historische Persönlichkeit dargestellt, sondern eine religiöse Vorstellung hat beseelte Bildgestalt gewonnen. Diese Auffassung verzichtet völlig auf Nachprüfung durch Auge und Verstand. Sie kennt also weder ästhetische noch intellektuelle Aspekte. Die biblischen Erzählungen werden in dieser Kunst zu Gleichnissen von unverrückbarer Bedeutung, die sich jenseits des zeitlichen Ablaufes vollziehen. Alles Gegenständliche, alles Historische ist symbolhaft in die ewige Geltungssphäre des Glaubens entrückt. Diese bildhaft gewordenen Ideen verlangen nur eine einzige Form der Apperzeption: die auf den religiösen Sinngehalt beschränkte Kontemplation.

Wenn wir auch die besondere Art dieser Kontemplation zum Verständnis berücksichtigen müssen, so darf sie uns andrerseits aber nicht dazu verführen, das Wesen dieser Kunst allein, mit kirchlichem Pathos und östlicher Mystik zu interpretieren. Wir tun dieser ehrwürdigen Kunst kein Unrecht, wenn wir ihren Stil und ihre Ausdrucksformen verziehend mit Kunstformen betrachten, denen eine solch ausschließende Bindung fehlt.

Da die Ikone nur Mittler zu einer religiösen Ideenwelt ist, vermeidet die Darstellung alles, was das Auge auf ihrer Fläche festzuhalten und irgendwie einer körperlichen Illusion Vorschub zu leisten vermöchte. Diese Kunst hat zu keiner Zeit das Bestreben, Naturformen nachzuahmen; ja sie löst sich bis zur Grenze des Verständlichen vom raumerfüllenden Gegenstand. Die Ikone ist ja selbst nur ein Schatten, ein Transparent, das Göttliches durchschimmern läßt. In strenger Zweidimensionalität ordnen sich die Figuren, ohne Standhaftigkeit und in erstarrter Einhaltung einer Bewegung, frontal in einer ideellen Ebene. Die Ikonenmalerei – kennt keine Plastik, keine Raumtiefe, keine Schatten. Sie vermeidet leere Flächen und Überschneidungen. Verschwunden ist der Rahmen, mit dem noch das antike Bild einst einen Raumabschnitt absteckte.