Verschwunden ist auch der Hintergrund als Trennwand zwischen dem sichtbaren Stück Wirklichkeit der Darstellung und der übrigen nicht mehr sichtbaren- Welt, An seine Stelle ist ein Farbwert getreten, und es ist sehr kennzeichnend, daß hierfür häufig Gold gewählt wird. Ist es doch das einzige jeden plastischen Eindruck ausschließende Material. Aus dem begrenzenden Hintergrund ist Grenzenlosigkeit, ist Erstreckung in unbestimmbarer Richtung geworden. Das Fehlen der Perspektive ist in dieser Kunst keine technische Unvollkommenheit. Der Ikonenmaler hat die "richtige Perspektive" nie gesucht, denn für ihn gibt es kein Problem der "optisch richtigen" Wiedergäbe. Muß er sich einmal mit der gefürchteten dritten Dimension auseinandersetzen, wenn es gilt, ein Gebäude, ein Buch oder einen Tisch wiederzugeben, so beschränkt er sich darauf, gerade eben deutlich zu machen, was gemeint ist. Er legt seine perspektivischen Schnittpunkte dahin, von wo aus ihm die verkürzenden Linien am besten zu liegen scheinen. Unserer Sehweise vermittelt ein rhomboider Tisch oder ein pyramidenförmiges Buch keinen "optisch richtigen" Eindruck. Versagen dem Maler einmal seine Ausdrucksmittel zur Darstellung bestimmter Dinge, dann beschriftet er sein Bili mit dem Fehlenden. Diese Schrift ist ihm stilgerechte Ergänzung seiner Ausdrucksmittel. Wil er einen zeitlich früheren oder späteren Vorgang sym bolisch oder erläuternd in seine Darstellung bildhaft mit einbeziehen, so bringt er ihn, kontinuierend irgendwo in der Fläche mit unter. Der Osten hat in seiner Ikonenmalerei niemals die Einheit von Ort, Zeit und Handlung vorgestellt und sieht die Darstellung wie mit Linien, Farben und Schrift auf "einer Fläche notiert. Die Farben haben ein Eigenleben und stehen wi< alle Ausdrucksmittel dieser Kunst in keiner Beziehung zur Natur. Sie haben zuweilen Symbolwert, meist aber reinen Gefühlswert. Der Isonenmaler gibt rote Pferde, blaue und gelbe Schafe, seltsame Fabeltiere wieder, und es schiere ihm eine törichte Frage, ob es so etwas in der Natur gäbe. Nach dem Gesagten sollte man neinen, daß unsere Zeit mit ihrer Gewöhnung an unbeschränkte Ausdrucksmittel der Ikonenmalerei besonders aufgeschlossen sein müßte; und fast scheint so, als ob man dieser bisher so unbeachteten Kunst ein vermehrtes Interesse zuzuwenden beginnt. Doch eins erschwert uns noch den Zugang vom Kunst Ästhetischen her. Der Ikonenmaler vollbringt keine Individualleistung. Er sagt nichts von sich selbst aus und verschweigt sogar seinen Namen. Damit aber entzieht er sein Werk vollkommen der uns gewohnten individuellen Sphäre, und das, was wir an Stilwollen und Formgefühl in seinem Werk finden, ist nur als anonymer Ausdruck der über Jahrhunderte gleichbleibenden Geisteshaltung des christlichen Ostens zu werten. Wer über das Allgemeine hinaus in dieser Kunst nach den auf Aussonderung zielenden Stilkriterien sucht, wer die Eigenarten der Zeiten, Länder und Schulen erkennen und ihre Inhalte und Formen im einzelnen deuten will, dem bleibt der allerdings lohnende aber mühselige Weg einer völligen Einfühlung in die uns so fremde Umwelt dieser seltsamen Kunst nicht erspart.