Erhart Kästner hat zwei ausgezeichnete Bücherüber Griechenland geschrieben: 1942 „Griechenland“ und 1946 „Kreta“. Nach 1945 verbrachte er zwei Jahre als Kriegsgefangener in der afrikanischen Wüste. Sein „Zeltbuch von Turmilad“ beschreibt diesen Aufenthalt (Insel-Verlag, Frankfurt a. M.).

Die Wüste ist die Leere, die große Ereignis- und Zeitlosigkeit. Aus der Leere steigen die Bilder, die Weisheit bringen. Die Anachoreten und die Propheten besannen sich in den Einöden. Männer wie Kästner saßen gezwungenermaßen da, aber anscheinend auch das nicht ohne Gewinn; mit anderen, welche die Einöde nicht vertrugen, auf winzigem Raum zusammengepfercht, aber die gestorbene Gegend aus Sand, Hitze und Wind, die „nichts Erquickendes und nichts Beleidigendes“ bot, beschenkte sie trotzdem mit Sammlung und Bildern. Bilder, geschaffene und erinnerte, sind zauberkräftige Formen und Formeln, die aus der Unform steigen. „Helfen uns etwa Gedanken, Kenntnisse, Wissen, Lehrsätze und große Systeme? Die Seele ernährt sich von Bildern.“ Deshalb hat Kästner als Motto über sein Buch geschrieben: „Jedermann braucht etwas Wüste!“ und zwischen hinein: „Hier geschieht nichts. Gottlob.“

Mit melancholischem Witz beschreibt er das Lager und die Lagerinsassen, die Einsamkeit und Hitze in die Narrheit treiben. Mit zarter Ergriffenheit den bedeutenden Narren, den Sammler, der sich mit Koffern voll Kunstreproduktionen aus allen Zeiten: ägyptischen, barocken, impressionistischen und hochmodernen in die Wüste gerettet hat. Noch im leeren Raum sickert ihm unablässig Neues zu seinen Schätzen zu, und in unablässigem Eifer beschenkt er die staunenden Männer mit den Wiedergaben des prachtvoll Genormten. Vor allem ist aber der Musiker in die Wüste verschlagen, der, in Städten oder im Sand, Orchester leitet und sammelt und die Einöde mit dem Glanz der Musik beschenkt: geordneten Tönen. Kästner selbst unterrichtet die jüngsten Lagerinsassen in der Literatur, erzählt ihnen ewige Inhalte in geprägten Bildern und wundert sich, wie diese siebzehnjährigen, im Wilden aufgewachsenen Krieger das Schicksal Romeos und Julias oder Peter Schlehmils oder des armen Hannele plötzlich ergreift. „Es war leicht, ihre kurzhosigen Seelen zu fangen.“ Das verdichtete Wort bringt sie zum Weinen.

Sonst geschieht nichts. Eine gerettete Amphore leuchtet im Sand. Gärtner entringen dem fruchtlosen Land in rührender Bemühung mit Dung von getrocknetem Tee und nächtlich gestohlenem Wasser Klematis und Löwenmaul, Zinnien und Mähren und ein starres, strohiges, giftgrünes Gebüsch. Im Herbst hinterlassen die Bachstelzen winzige Spuren. Nachts leuchtet der Himmel in unwahrscheinlicher Pracht: ein Gebilde voll undurchschaubarer Physik, dessen eine Erscheinung noch immer den kindlich-zauberkräftigen Namen „Milchstraße“ trägt. Das Theatrum mundi zieht fern und eben aus der Ferne durchschaubar vorüber. Die Zeiten rücken zusammen.

Lotte Wege

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Das Buch des Generals Bernhard von Loßberg, „Im Webrmachts-Führungs-Stab“ (H. H. Nölke Verlag, Hamburg) ist eine kühle, kluge und vollkommen unabhängige Chronik. Loßberg weiß mit sparsamer Polemik in knappem, umliterarischem Stil über Zusammenhänge zu erzählen, die noch nicht bekanntgeworden sind. So über die „phantasielosen Generäle, die zu wenig Karl May gelesen“, über die Meteorologen, die „Wetterfrösche“, die den Zeitpunkt riesiger Aktionen bestimmen konnten, über die groteske Szenerie in Hitlers Hauptquartier und andere Dinge, die man eigentlich kennenlernen sollte.