Bevor der Bundestag in die Osterferien ging, billigte er mit großer Mehrheit den einstimmigen Beschluß seines außenpolitischen Ausschusses, wonach der Bundeskanzler aufgefordert wird, ein Bundesamt für Besatzungsfragen und Auswärtige Angelegenheiten einzurichten. Nicht ohne Grund erschien dies dem Parlament wichtiger als eine allzu eilige Debatte über die Frage, ob Deutschland die Einladung nach Straßburg annehmen soll.

Deutschland hat gemäß Besatzungsstatut keine eigene Außenpolitik. Trotzdem gibt es eine deutsche Außenpolitik. Da sind die keineswegs einfachen Beziehungen zu drei Besatzungsmächten – im eigenen Lande, deren Haltung die recht unterschiedliche Deutschlandpolitik in Washington, London und Paris widerspiegelt. Da ist das Gesamtgebiet einer deutschen Europa-Politik. Da müssen im Lauf des nächsten Jahres; dreißig bis vierzig deutsche Auslandsvertretungen eingerichtet werden. Da ist die Saar und der Eiserne Vorhang, der uns von der Sowjetzone trennt. Der Idee nach sind dies innerdeutsche, weil gesamtdeutsche Angelegenheiten, der politischen Wirklichkeit nach handelt es sich jedoch um außenpolitische Aufgaben.

Nirgends also, auch nicht auf dem Petersberg, kann bestritten werden, daß es eine deutsche Außenpolitik gibt. Es gibt sie so sehr, daß sie schon wieder als die "große" Politik erscheinen mag, im Vergleich zu der alles Innenpolitische als "kleine" Politik gelten könnte. Gewiß: all die falschen und bösen Träume einer deutschen Weltmachtpolitik sind ausgeträumt, für immer. Aus Großdeutschland ist Kleinstdeutschland geworden, und, von der Welt her gesehen, ist unser Dasein provinziell In dieser isolierten Enge sind wir weder politisch noch wirtschaftlich, noch kulturell lebensfähig. Hitler hat uns aus der Gemeinschaft der Völker ausgeschaltet. Nur wir selbst können uns wieder in sie einschalten, mit friedlichen und rechtlichen Zielen, mit friedlichen und rechtlichen Mitteln. Unser außenpolitischer Kurs führt uns nach Europa und, als ein Glied der europäischen Völkerfamilie, in die Welt. Und wir müssen hierbei immer das ganze Deutschland im Auge haben, das nicht an der Elbe endet und nicht an der Oder und Neiße, ein Deutschland in den Grenzen von 1937 mit der Hauptstadt Berlin.

Diese deutsche Außenpolitik hat wenig Vorbilder und wenig Anknüpfungspunkte. Sie kann weder auf Machiavelli zurückgreifen noch auf die Heilige Allianz, noch auf Bismarck. Mit der Souveränität sind auch die alten Formen des Bündnisses und der Neutralität in Europa hinfällig geworden, desgleichen die Hegemonie. Wenn dies noch nicht überall begriffen worden ist, in Deutschland muß es jedenfalls begriffen werden. Unser Beitrag zu Europa wird um so wertvoller sein, je mehr wir uns von überlebten Vorstellungen frei machen, je stärker wir uns auf die Zukunft einstellen. Und dies sollte uns deshalb leichter fallen als anderen, weil wir ja am wenigsten mit Tradition und Kontinuität gesegnet und – belastet sind.

Deutschlands außenpolitischer Weg wird lang und mühselig sein. Wir werden viel Geduld brauchen und nicht wenig Würde, ferner die rechte Mischung von Zähigkeit und Elastizität. Es kommt nicht darauf an, daß jede Woche etwas sichtbar "geschieht". Wir bedürfen in der Außenpolitik eher der Stille als der Sensationen, auch des Wartenkönnens und nicht nur des Handelnmüssens. Sehr viel zielbewußte Kleinarbeit gehört dazu, genaueste Kenntnis der politischen und vor allem der psychologischen Voraussetzungen in anderen Ländern. Jeder Dilettantismus grenzt hier schon an Taktlosigkeit. Der außenpolitische Takt setzt voraus, daß man den andern wirklich kennt und nicht von sich aus auf ihn schließt, daß man im wörtlichen und im übertragenen Sinne nicht nur die eigene Sprache spricht.

Dadurch daß, wie der Bundestag es gefordert hat, ein Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten geschaffen wird, ist weder die außenpolitische Konzeption noch das außenpolitische Können ohne weiteres gegeben. Aber ohne ein solches Amt kommt Deutschland überhaupt nicht in die ernsthafte Außenpolitik hinein. In den letzten Wochen und Monaten bestand bis tief in die Reihen der Regierungsparteien hinein ein beträchtliches Mißvergnügen an den außenpolitischen Improvisationen des Bundeskanzlers. Weder in der Saarfrage noch in der Europafrage war jenes Maß von überlegener Sicherheit, von Detailkenntnis, von Zielklarheit zu verzeichnen, das nun einmal zu einer erfolgreichen Außenpolitik gehört. Die Fülle der außenpolitischen Kanzler-Interviews, bei denen die Themen und die Gesprächspartner nicht immer glücklich gewählt waren, wirkte geradezu beängstigend. Es ist nicht Aufgabe des deutschen Bundeskanzlers, ständig in der Weltpresse als praeceptor mundi aufzutreten, wie zuletzt wieder in seinem Interview mit United Press, Der über die amerikanische Hearst-Agentur an Frankreich gerichtete Vorschlag zu einer deutsch-französischen Union, der in Paris nur den Karolinger de Gaulle begeisterte, hat dem Ansehen weder des Kanzlers noch Deutschlands genützt. Das deutsch-französische Verhältnis läßt sich heute nicht mehr isolieren und gleichsam "an Straßburg vorbei" in Ordnung bringen. Und dem Kanzler konnte es nicht unbekannt sein, daß Frankreich nichts weniger erwünscht ist als eine politische Konstruktion, in der es mit Deutschland "allein" wäre. Es kommt nicht darauf an, ob eine deutschfranzösische Union "an sich" richtig wäre, denn gerade dieses "an sich" gibt es nicht in der praktischen Außenpolitik. Es kommt ausschließlich darauf an, ob eine solche Union heute politisch möglich ist. Da sie es nicht ist, mußte der Vorschlag wie ein Appell an die öffentliche Meinung des Auslandes und Deutschlands selbst wirken, wie ein Schachzug, der ein widerstrebendes Frankreich ins Unrecht setzen sollte. Und deshalb war dieser Vorschlag außenpolitisch unbrauchbar und hatte entsprechenden Mißerfolg.

Man hätte es in Bonn lieber gesehen, wenn an Stelle einer Betriebsamkeit der Überraschungen in der Außenpolitik ein Fortschritt in der Besetzung der deutschen Auslandskonsulate zu verzeichnen gewesen wäre. Aber noch immer ist niemand als Generalkonsul für London und Paris vorgeschlagen worden. Und noch immer ist niemand vorhanden, der außer dem tut von Adjutanten umgebenen Kanzler eine wirkliche außenpolitische Verantwortung besäße. Es fehlen die wichtigsten Arbeitsabteilungen eines Bundesamtes für Auswärtige Angelegenheiten, das als Zentralstelle für die kommenden Auslandsvertretungen unentbehrlich ist.