Es mochte nahe liegen, ihn neben Herriot als den anderen grand old man des heutigen Frankreich zu preisen. Aber grand (was immer auch ein wenig den Beiklang von großspurig hat) war er gerade nicht. „Meine Generation hat ihre Aufgabe nicht erfüllt“, sagte er als Siebzigjähriger, und „Es scheint mir, daß es in meinem Innern immer viel Unentschiedenes und Unvollendetes geben wird“. Das ist nicht die Sprache des wuchtigen Mannes, den seine Sendung mitreißt und beseligt, sondern eher die des Skeptikers, der in den entscheidenden Jahren seiner Entwicklung (noch vor der Jahrhundertwende) als Student bei Henri Bergson den Wahn verlernt hat, daß es je irgendwem gegeben sei, Unbedingtes zu leisten. Vor der „Gewissenlosigkeit des Handelnden“ hat es Léon Blum, dem Kenner Goethes und Verfasser erdachter „Neuer Gespräche mit Eckermann“, immer gegraut. Darum hat er sich auch erst so spät, mit fünfundvierzig Jahren, zu politischer Aktivität bestimmen lassen – damals, als in der Krise des ersten Weltkrieges niemand sich getraute, die Stelle einzunehmen, die seit der Ermordung Jaurès verwaist war. Ein Anwalt mit großer Praxis und prominenter Klientel war er bis dahin gewesen, der Vertreter Zolas in dessen Prozessen wegen der Dreyfuß-Affäre, auch der Geschichtsschreiber dieser Affäre, als sie endlich zur Rückkehr und Rehabilitierung des unschuldig Verurteilten geführt hatte. „Er ist nicht zur Berühmtheit geboren“, sagte Blum damals von diesem anderen Elsässer; „wäre er nicht Dreyfus, ich zweifle, ob er Dreyfusard geworden wäre.“ Der Ausspruch zeigt einen Künstler des Epigramms, einen Liebhaber der Paradoxie, einen wachsamen Beobachter. Seine Freundschaft mit den unruhigen Geistern seiner Generation, mit Maurice Barrès und André Gide, brauchte nicht Wunder zu nehmen, auch nicht, daß er in einer Schrift „Über die Ehe“ den französischen Frauen riet, Enttäuschungen in der Ehe durch ausreichende Erfahrungen vor der Ehe vorzubeugen. Doch das alles mochte noch literarisches Spiel sein, eleganter Dilettantismus eines Weltmannes. Der Sinn solcher kritischen Äußerungen kamen erst allmählich zutage: er richtete sich gegen die Schicht, der Blum entstammte und in der er lebte, die saturierte, im Herzen träg gewordene, selbstgerechte französische Bourgeoisie, der er vorwarf, sie verwechsle „ihren eigenen Untergang mit dem Untergang Frankreichs“, Nicht Doktrinen und Utopien zogen ihn zur sozialistischen Bewegung. „Gleichheit besteht darin, jeden Menschen auf seinem richtigen Platz unterzubringen“, und: „Der Sozialismus ist bestrebt, alle persönlichen Eigenheiten und Vorzüge zum gemeinen Nutzen auszuwerten“. Das waren Gedanken, die weit über das Parteiprogramm hinausgriffen. Ein Generalsekretär mit unorthodoxen Auffassungen – das war Blums zwiespältige und schwierige Rolle in der Zeit zwischen den Kriegen. Ein scharfsinniger Debatter, aber als Redner ohne Schwung und Faszination, nervös und wehrlos gegen rüde Zwischenrufe, ein leiser und gebrechlicher Prophet – und doch der unbestrittene Führer der Partei, ihr überragender Publizist (seine Leitartikel im „Populaire“ wurden in den Ministerien und Redaktionen der ganzen zivilisierten Welt gelesen), ihr gewiegtester Verhandler, ihr bester Denker.

Die Größe seiner Persönlichkeit ist aber durch diese Elemente kaum bezeichnet. Sie lag in der Hochherzigkeit seines Charakters, der milden und energischen Weisheit, die ihm wie eine zweite Natur zugewachsen war. Nach zwei Jahren Buchenwald hat er kein Wort über seine Leiden dort verloren (obwohl er schwer krank zurückkam), sondern spontan für diejenigen aus dem Lagerpersonal Zeugnis abgelegt, die ihn anständig behandelt hatten. Sein Widerspruch gegen Poincarès Ruhrkrieg, sein fast leidenschaftliches Eintreten für die Europäische Union bewiesen in kritischen Stunden, daß in seinem politischen Weltbild die Kategorien „Freund“ und „Feind“ nicht den Vorrang hatten.

Er ist arm gestorben. Auf seine Bezüge als Herausgeber des „Populaire“ hatte er verzichtet und nur noch von seiner Pension als ehemaliger Ministerpräsident (1946/47) gelebt. Seine letzten Handlungen waren: ein Nachruf auf den englischen Sozialistenführer Harold Laski und ein (von Gide, Mauriac und Camus unterstützter) Protest bei der italienischen Regierung gegen Repressalien an baltischen und ukrainischen Flüchtlingen. Lewalter