Von Henry Nicolson

Diavolo! – Wen es Ostern wird, sieht man plötzlich wie schön, die quicklebendige, kleine, schwarzhaarige Rasse dieser Römer ist. In den kalten Monaten, oh, damals sah es besser aus mit uns Leuten aus dem Norden. Die Mäntel über den breiten Schultern, die hellen Haare im Wind, großgewachsen flanierten wir über den Korso mit diesen langen, schwankenden Schritten, die wir an uns halben – wie Seeleute oder wie Eisbären, Barbaren, trunkene Schiffe auf den Wellen unseres Einverständnisses mit unserem winterlichen Selbst. In jenen Monaten saßen die kleinen schwarzen Italiener frierend, in ihre Mäntel verkrochen, an den kalten Marmortischchen und tranken diesen kindlichen vin caldo und sahen mit ehrfürchtigem Abscheu auf unser volles Gefäß vom kalten Vino de castelli. Ja, damals hatten wir die Füße auf den Tischen der Osterien, jetzt aber haben sie die Füße auf den Lenkstangen ihrer Fahrräder, den Kopf in den Wolken und das Herz schon am Herzen der Bella, die eben vorbeireden und sich das leichte Röckchen über die Knie streicht. Jetzt beginnt die Jahreszeit der Italiener, und wir legen im kühlen Dämmer der Osterien die schweißnassen Stirnen auf die kalten Marmortische (dort wo früher unsere Füße lagen).

Pasqual Gewiß, das heißt Ostern, denkt der brave Philologe. In der Geheimsprache des Paganen heißt es Sonne, Fest und Freude. Das Christliche legt sich behutsam darüber, gibt die Weihe, sorgt für Moral. Pasqua d’uova – Eierostern. Es gibt auch die Pasqua del ceppo, das Weihnachtsfest. Pasqua ist einfach das von der Kirche sanktionierte; Fest der Lebensfreude. Der Preis dafür war nicht eben niedrig – vierzig Fastentage! Aber Glanz und Schönheit unserer Feste wachsen immer auf dem Grunde eines früher übernommenen Verzichts. Der Dank für den Patron des Festes ist überschwänglich, voller Farben, Fahnen und Jubel. Im festlichen Gehen und Kommen der Priester- und Ministrantenzüge um die Hochaltäre, im Hin und Wider alter Liturgien, in den Duftwolken des Weihrauchs und der Musik liegt ein wunderbarer Glanz von Gnade, von Zusage, von lächelndem Überseien unseres ewig wiederholten Sündenfalles. Unter dem Jubellicht der Ostersonne rückt alles ins ganze Einvernehmen: – Stadt und Kirche und das Herz des nach Freude sehnsüchtigen Volkes. Hinten, am Pfeiler bei den Beichtstühlen lehnt Alfredo, der Kommunist. Er hat ein ganz anderes Gesicht als gestern, als er in der Osteria gegen die Kirche zu Felde zog. Er kommt vom Beichten, wie alle, und fühlt sich jetzt im Einvernehmen mit der österlichen Welt, mit allen. „Weil’s Mutter wollte“, wird er nachher lügen, morgen, wenn er wieder beim Wein sitzen wird. Aber er wird unwilligere Zuhörer haben. Denn alle werden noch daran denken, wie sie in dem riesigen schwarzen Meer der Pilgerzüge aus aller Welt vor der weißen Figur des höchsten Priesters in die Knie sanken und (stolz in ihrem Römerherzen) den großen österlichen Segen hörten, urbi et orbi – der Stadt Rom und dem Weltkreis. Auch Alfredo...

Pasqua d’uova. Eierostern. Nach der langen Fastenzeit kamen die Eier wieder auf den Tisch. Ehemals – wer schert sich jetzt um Eier! Streift man zur Mittagszeit durch eine Gasse von Trastevere, spürt man neue heftige Gerüche in der Luft, ebenso orientalisch wie der Weihrauch, der am Morgen dünn durch die Gasse zog, fette Gerüche noch fettener Braten: – agnello gibt es, capretto, Lamm und Böckchen und hinterher die Focacce, mit Öl überstrichene und in der Holzkohle gebackene Kuchen. Bald sitzt man da im fetten Dampf der rosmarin-gespickten Knusperbraten und im Lärm der fröhlichen Geschlechter, die jetzt schnell zueinander finden. Denn das ist ihr Fest, das Fest der Römer.

Wundervoll liegt es sich im Summen der heißen Mittagssonne in der Campagna romana. Ich liege an der Via Appia bei dem alten Grabstein irgend so eines Caius Titus Sempronius, der sein Leben im Glanze höheren Ruhmes verbrauchte und jetzt hier liegt und auch nicht weiß warum. Welch eine Welt – auch damals! Oben die domus aurea Neros, der goldene, von Musik und Grauen durchzogene Palast des kaiserlichen Mörders und unten die Katakomben mit dem Gebetsgemurmel früher Christen. Ah, so gut ist die Sonne! Und sie wird noch um einen Grad bunter und heller, als eine Reihe bewimpelter, hoher, zweirädriger Karren daherschwankt. Obenauf die Mädchenfracht, bunte Flügelhauben, grelle Röcke – Mädchen von den Albanerbergen, Aber dann sehe ich, daß sie die ciocce an den Füßen haben, Ledersandalen mit breiten Bändern bis zu den Knien; Leute aus der Ciocerria – hundert Kilometer südlich Rom. Zum Osterfest lohnt sich die Reise. Sie schwenken banddurchwirkte Wedel aus Maisstroh oder Palmenblättern, die sie in Rom zur Osterweihe bringen werden.

Ich werde zum alten Giulio in die Pontinischen Sümpfe fahren. Er ist, glaube ich, der letzte der alten Hirtengestalten des Agro Pontino, Relikt aus einer Zeit, als die Weltverbesserungspläne des Duce noch nicht die ersten Ergebnisse im Sumpfgebiet der Campagna gezeitigt hatten. Er kommt mir vor wie ein seltsames Wesen, das mit seinen Büffeln und Schafen durch Traktoren, Drainagen und Katasterbeamte in ein letztes Reservat gedrängt wurde: ein Fleckchen Sumpf noch, im Austrocknen, Büsche, krüpplige Steineichen und ab und zu ein Flecken harten Grases. Dort lebt der Alte und gilt als verrückt, seither in den Jahren der Meliorierungsarbeiten, immer dem Rand des Sumpfes folgend, seine kurze, ewig gleiche Rede hielt: „Cristo! Wollt Ihr denn immer besser leben? Und die da? – Was sagen die?“ Und er zeigte auf seine mageren Büffel und die Schafe. Die sagten natürlich gar nichts, und so galt Giulio als verrückt. Er war es aber nicht; er meinte ganz einfach, man solle die Welt und das Wachstum der Natur vor Weltverbesserern schützen. Und er meinte vielleicht, es sei ehrenhafter mit Malaria, aber in Freiheit, achtzig, als ohne Malaria und ohne Freiheit hundertundzwanzig Jahre alt zu werden. – „Gute Ostern!“ wünschte ich. „Buona Pasqua!“ sagte Giulio gutmütig. Aber dann sah er mich böse an und rief: „Buona Pasqua? – Cristo, und die da?“ Es war auch zu traurig. Die ganze kleine Herde fast ohne Lämmer, die Schafmütter unruhig und mit traurigen Blicken, ohne Lämmer. Es war zu traurig – daß es Osterlämmer geben mußte; ganz Rom aß davon! „Ja, Giulio“, sagte ich, „immer gibt es ein Lamm, das der Welt Sünde zu tragen hat.“ „Oh, Cristo“, sagte er seufzend, „ich weiß, ich weiß! Buona Pasqua a tutti! – Aber“, setzte er abrupt hinzu, „was tragen die da?“ Und seine alte Hand wies vom Rande seines Sumpfes über das meliorierte Gebiet hin nach Rom. Und da war es der Sumpf und das Geflüster. der Steineichen und die Büffel und die lämmerlosen Schafe, die in ihm sprachen.

Oh, er war nicht verrückt.