Von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, im April

Die amerikanische Form der „überparteilichen Außenpolitik“, wie sie von Senator Vandenberg so vorbildlich, aber anscheinend einmaligpersönlich praktiziert worden ist, kennt man in England nicht. Die Regierung ist hier ein lebenswichtiges Glied des Parlaments – und im Parlament muß die Opposition funktionieren –, wie es Churchill mit seiner sorgfältig und sehr geheim vorbereiteten Abstimmungsüberraschung taktisch geschickt und mit einem Schuß Schuljungenhumor vorgeführt hat, ohne deshalb schon jetzt den Kopf Attlees zu fordern.

Dennoch hat Churchills meisterlich formulierte, in sich sorgfältig abgewogene Unterhausrede zum deutsch-europäischen Problem vielfach, nicht nur in England, den Eindruck hinterlassen, als ob Churchill von der Oppositionsbank her der britischen Europapolitik sowohl Gestalt und Gehalt als auch seinen Segen geben wollte. Negativ wird dies in einer Labourkritik an Bevins Antwort bestätigt, die „merkwürdig der Antwort der Opposition an einen Außenminister geähnelt“ habe. Die positive Bestätigung lieferte mehr als ein Mann auf der Straße, dessen bisher unausgesprochene, ja nicht einmal vollauf bewußt gewordene Einstellung zu Deutschland Winston Churchill in der Grundtendenz mit größter Exaktheit, sozusagen auf die Dezimale genau erfaßt und wiedergegeben hat.

Das heißt nicht, daß Churchills sämtliche Schlußfolgerungen aus dieser richtig abgelesenen britischen Grundtendenz ebenfalls bereits von der Öffentlichkeit akzeptiert werden. Es gehört zu den charakteristischen Zügen Churchills, daß er, der allgemeinen Meinung Großbritanniens in Fragen der Außenpolitik und der Verteidigung nicht nur meist einen Schritt voraus ist, sondern daß er sich auch nicht scheut, unvermeidliche Entwicklungen anzukündigen, unabhängig davon, ob sie ihm und anderen sympathisch oder unsympathisch sind. In vielen seiner großen Reden ist das deutlich erkennbar, etwa in der Fultonrede, in der er die Unerbittlichkeit der sowjetischen Expansionsgelüste durch Kalten Krieg und jedes andere als zweckmäßig erscheinende Mittel an die Wand malte. Damals wollten viele seiner englischen Freunde diese unangenehme Prophezeiung nicht hören. Jetzt sträuben sie sich gegen Churchills nächsten Schluß aus seiner Erkenntnis von Fulton, gegen die von ihm verkündete Ansicht, man müsse früher oder später das westdeutsche Verteidigungsvakuum, das durch die Besatzungstruppen nur teilweise und vorübergehend gefüllt werden kann, durch eine westeuropäische Armee mit einem deutschen Kontingent ebenso widerstandsfähig machen, wie es mit den Brüsseler und Atlantikpakten für die übrigen Teile Westeuropas angestrebt wird.

Auch Churchill hat nicht eine deutsche Aufrüstung und eine selbständige deutsche Armee mit eigener, selbständiger Rüstungsindustrie im Sinn, sondern vielmehr eine militärische westeuropäische Union, die sich – unter dem Druck der sowjetischen Expansionsgelüste – seiner Ansicht nach logisch und „ganz natürlich“ aus der engeren politischen (und, von Churchill weniger beichtete auch der wirtschaftlichen) Zusammenarbeit Westeuropas einschließlich Deutschlands entwickeln wird. Es verdient dabei von uns Deutschen beachtet, zu werden, daß sich Churchills Kritiker fast ausschließlich von der zwiefachen schlechten Erfahrung mit Kaiser-Deutschland und Hitler-Deutschland bei der Ablehnung eines Gewehrs in deutschen Händen (gleichgültig unter wessen Befehl) leiten lassen. Schreier vom Schlage eines Remer und Hedler verhindern es noch immer, daß die so eindeutige, überwältigende deutsche Mehrheit gegen eine deutsche Aufrüstung in Auslande bekannt und auf ihre Echtheit geprüft wird. Mit keiner Mitteilung aus Nachkiiegsdeutschland erregt der Deutsche im Ausland soviel Überraschung und Zweifel wie mit der Feststellung vom Waffen- und Uniformüberdruß der ehemaligen deutschen Soldaten bis hinunter zu den irgendwo im Einsatz gewesenen Hitler-Jungen.

Es bleibt offensichtlich noch viel für uns zu tun – mit dem Nachdruck auf dem Handeln, nicht dem Reden: weder die Diplomatie der Bonner Tribüne noch die Diplomatie des Interviews erweisen sich als ausreichend oder auch nur immer als glücklich. Das britische öffentliche Echo auf Churchills Rede gibt dabei eine bedeutende Ermunterung für Deutschland ab. Zögernde, oft schleppende Schritte der britischen Politik – die, in Gegensatz zur französischen Politik, jede ergere britische Verbindung mit Europa eher als Verpflichtung denn als Gewinn wertet – und biummige Worte des teils aus der Erinnerung an das menschliche Elend des letzten Krieges, teils „aus einem alten Gewerkschaftsprinzip“ heraus mit dem Verhandlungspartner ewig unzufriedenen Ernest Bevin dürfen uns weder täuschen noch entmutigen. Es ist in England eine sehr viel tiefergehende Europafreundlichkeit vorhanden, als man es wahrhaben will. Und man ist bereit, jede westeuropäische Festigung, vor allem aber jede deutsch-französische Annäherung, als stabilisierendes Faktum anzuerkennen.

Man darf von den Engländern – die in sich unzufrieden und unruhig sind wie Schläfer in schlechter Luft – gegenwärtig nicht die große erlösende Tat für Europa erwarten. Es muß die Gewißheit genügen, daß sie viel weniger fortschrittsfeindlich gegenüber Europa sind, als ihr Zögern anzuzeigen scheint. Darüber hinaus läßt sich viel Mitarbeit erwarten, wenn einmal das europäische Schiff der Einheit vom Stapel gelaufen ist und seine ersten Probefahrten erfolgreich bestanden hat. Schon klingt in den Gesprächen, ob nun mit Wirtschaftlern oder mit Professoren, der Wille an, nicht auf die Konkurrenz hinzusteuern, an denen sich nur lachende Dritte erfreuen, sondern auf die Gemeinsamkeit, die Zusammenarbeit. In diesem Sinne hat Churchill, nicht Bevin, für England gesprochen.