Ein neuer deutscher Film hat den gefährlichen Absprung vom sicheren Gelände der Atelierroutine ins Ungewisse des Alltagslebens gewagt, Es ist der Rossellini-Sprung, der an die Wagnisse des russischen Stummfilms anknüpft: Menschen von der Straße, zufällig und doch mit Bedacht aufgegriffen, vor die Leinwand zu bringen, so wie sie sind, sich bewegen, reden – und auf diese extrem realistische Weise ein Gleichnis menschlicher Verlorenheit sichtbar werden zu lassen, St. Pauli, das Hamburger „Vergnügungsviertel“, ist ein unheimlich geeigneter Schauplatz für solchen Versuch. Das Mürrische, Angestrengte und Verzweifelte hinter der Grimasse des Amüsierbetriebs kann die Kamera auffangen, wenn sie nur irgendwo in die Nebengassen und die Torwege hineinleuchtet. Hippodrom, Stundenhotel und Polizeirevier sind Bühnen des Entsetzens, auf denen jede Nacht dieselben grämlichen Stücke gespielt werden. „Nur eine Nacht“ in diesem Viertel, von abends sechs bis morgens sechs, hält der Pontus-Film fest, den der unternehmungsfreudige Fritz Kirchhoff nach einer knapp skizzierten anekdotischen Handlung (von Kampendonk) Nacht für Nacht an Ort und Stelle gedreht hat. Ein moroser, lebensunlustiger Mann (Hans Söhnker) wird für ein paar bittere und doch tröstliche Stunden mit einer enttäuschten, vergeblich nach Liebe bangenden Frau (in starrer Erschütterung: Marianne Hoppe) zusammengewirbelt und bei einer Razzia brüsk von ihr getrennt. Das ist alles. Keine Nebenhandlung, nur Schlaglichter auf zweideutige Existenzen. Und ein gut ersonnener versöhnlicher Ausklang mit Bachscher Orgelmusik (dem aber nicht unbedingt eine zweite, endgültigere Begegnung des Paares folgen müßte).

Hier werden die ausgefahrenen filmischen Straßen entschlossen vermieden; nur die Dialogworte bewegen sich leider bisweilen noch darauf. Dieser Film zeigt Mut und sollte Mut machen.

C. E., L.