Am Anfang war ein Tisch. In der Weihnachtsnacht des Jahres 1926 erhielten fünf tischrückende Annamiten auf einer spiritistischen Sitzung in Saigon von ihrem Medium die Weisung eine neue Religion zu gründen. Der Caodaisraus, eine, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet, „nuancenreiche Kombination von Katholizismus, Buddhismus, Mohammedanismus, konfuzianischer und taoistischer Philosophie“, erblickte damals das Licht der Welt, wuchs und gedieh, Solange sich die tagtäglich in einer spiritistischen Empfangsstation eintreffenden Botschaften aus dem Jenseits darauf beschränkten, den Caodaisten etwa mitzuteilen, daß der Turm einer von ihnen erbauten Kathedrale um einige Zentimeter schief stehe, wunderte man sich zwar in den französischen Hotels in Saigon über die Zuverlässigkeit des himmlischen Nachrichtendienstes – Nachprüfungen ergaben, daß das Bauwerk tatsächlich die beanstandeten Mängel aufwies –, aber man nahm ihn nicht ernst, Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Des Caodaismus besitzt heute zwei Millionen Anhänger und eine 20 000 Mann starke Armee, die erst kürzlich einen ganzen Landstrich in Cochinchina von Kommunisten säuberte, um ihren dortigen Glaubensgenossen Ruhe zu verschaffen. Er verfügt über eine solche Anziehungskraft, daß sich auch Ho Chin Minh eine rote Sektion der neuen Lehre angeschafft hat. Und als eines Tages gar der „Papst“ der bisher franzosentreuen Caodaisten, ein kleines hurtiges Männlein, spornstreichs nach Saigon geeilt kam, um mitzuteilen, daß soeben eine himmlische Weisung seine Schäflein gewarnt habe, noch länger Waffen zu tragen, da horchte man sogar in Paris auf. Die Religion des Tischrückens war zum Machtfaktor der Politik geworden.

Trotz aller dieser Sorgen aber blickt Monsieur Pignon, Frankreichs Hoher Kommissar in Indochina, einstweilen noch zuversichtlich in die Zukunft. Denn als größte „Heilige“ werden von des Caodai-Religion neben Sun Yat Sen und einem verschiedenen vietnamesischen Dichterphilosophen vor allem Victor Hugo und die Jungfrau von Orleans verehrt. Und daß zwei solche Franzosen im Himmel ihre Nation vergessen haben und einem defaitistischen Gott dienen sollen – das hält Monsieur Pignon für ausgeschlossen. C. J.