Da nun die unmittelbarste Bedrängnis von uns gewichen ist, hielt Victor Gollancz die Zeit für gekornirnen, auch in Deutschland etwas von seinem innersten Anliegen auszusagen. Der Mann, der sich der leiblichen Not des Menschen der Nachkriegszeit in so vorbildlicher Weise angenommen hat, glaubt nicht daran, daß der Materie eine erlösende Kraft innewohwt. In seinen Vorträgen in Nürnberg und Hamburg versuchte er den Weg zu zeigen, auf dem der Mensch in einer nieugefundenen Innerlichkeit aus dem Chaos der Welt herausfindet.

Religion wnd Humanität war das Thema, unter das Victor Gollancz seine Ausführungen gestellt hatte, und das ergriffene Schweigen, mit dem ihm in den überfüllen Hörsälen gelauscht wurde, war ein Beweis dafür, wie sehr sich seine Zuhörer persönlich angesprochen fühlten. Keinen Augenblick vergaß er jedoch dabei in aller Klarheit darzulegen, daß es sinnlos sei, auch heute noch in einer Welt des reinen Geistes zu leben, da die Tatsachen unseres unmittelbaren Daseins das Leben fast unerträglich machen und mit ihrer Qoial alle Freuden des Augenblicks lersticken. Um diesen Zustand unserer, inneren Verlorenheit in einer zerstörten Welt wt überwindien, müssen wir jedoch die Voraussetzungen erkennen, die schließlich zu dieser unserer Gegenwart geführt haben. Erst die Erkenntnis befreit das Herz aus seiner Unruhe und weist ihm den Weg, eine neue Erfüllung in sich zu erleben, Humanität, so meint Gollancz, wird immer wieder verschüttet und muß immer wieder aufs neue aus der menschlichen Innerlichkeit erweckt werden. Mit einem großen Rückgriff auf die Ge , schichte des Urchristentums versucht er bereits einen der verhängnisvollsten Irrwege der europäischen Menschheit zu kennzeichnen. Der Sieg vom Augusfiin über Pelagius, des Gedankens der Erbsünde über den Gedanken der schöpferischen Freiheit des Menschen, die Mini Gott als seine unverlierbare Würde mitgegeben hat, kennzeichnet nach ihm einen der entscheidenden Augenblicke, in denen der Mensch vor seiner ewigen Aufgabe ersagt. Mit außerordentlicher Schärfe wendet sich Gollancz gegen die Bestrebungen der mocernen protestantischen Theologie im Sinne Karl larths, diesen Menschen in seiner totalen Nichtigleit vor Gott zu steilen, unfähig jeder freiheitlichen Tat, als einen elenden Sklaven, der sich iner unerforschlichen Gnade ausgeliefert sieht. (Die antihuimanitäre Religiosität kann nicht zu ider Lebensform der Zukunft werden, so sehr sie such immer aus der Enttäuschung der Gegenwart au verstehen sein mag. Aber nicht hier ist der dgendiche neuralgische Punkt, zu suchen, an dem ach die innere Brüchigkeit des modernen Menschen enthüllt. Nicht in einer falschen Beziehung ;u Gott, sondern in der vollkommenen Bezietumgslosigkeit zu seinem Wirken in der Schöpfung vird die innere Leere unseres Daseins sichtbar. Seit der Renaissance versucht der Mensch in zeigendem Maße eine Existenzform zu entwickeln, in der sich die Humanität von Gott emanzipiert lat und somit am Ende in ihr Gegenteil umschlagen muß. Sie mußschließlich zur Vergottung des Menschen selber führen, zur Vergottung des unzeinen oder eines Kollektivs, das sein eigenes Triebleben zum Maß aller~Dinge macht. Damit ist alber auch die Humanität endgültig aufgeloben und es beginnt ein Zustand, in dem alle Werte ihre Bedeutung verloren haben, weil sie nunmehr jeder echten Beziehung zu einem ewigen Schwerpunkt enthoben sind iDiamit ist aber nach Gollancz auch der Zustand analysiert, in dem vir uns heute befinden; ein Zustand, wie er in Ylarx und Nietesche seine geistige Aussage gefunden hat und letztlich geradeaus in die Vernichtung führt. Das Problem, das damit gestellt ist, beschränkt sich keineswegs auf Deutschland, obwohl es hier- auf Grund besonderer Voraussetzungen am deutlichsten sichtbar wurde. Es jeht ausnahmslos alle an.

Es ist alber die Aufgabe des Menschen, die Schöpfung zu vollenden. Im Talmud heißt es: Gott sagte am siebenten Tage zu allen Dingen, laß sie gut seien; dem Menschen alleine >ab er nur die Verheißung, er schuf ihn als ein Versprechen, gut zu werden und damit Schöpfung m vollenden- Berdjajew, so meint Gollancz, hat Miter den Modernen am klarsten gesehen, worauf es alleine ankommt: auf das Wiedererleben der Freiheit in Gott. Das Erlebnis dieser Freiheit füllt mit einer unendlichen Glückseligkeit, und ier Mensch sieht die Schöpfung in einem neuen Lichte ausgegossen. Er ist ohne Angst, denn wie der Wassertropfen im Ozean, so fühlt er sich in der Unermeßlichkeit Gottes geborgen, der in ihm ist und ihn doch zugleich auf immer überragt. Eine jüdische Legende sagt: als die Israeliten ans Rote Meer gekommen waren, erwarteten sie, daß das Wasser sich vor ihnen teilen werde; aber die Flut trat erst zurück, als der erste sich selbst in die Wellen geworfen hatte.

Mit den Worten des Angelus Silesius versucht dieser Engländer das Geheimnis eines Erlebens zu umschreiben, das sich dennoch jeder Aussage entzieht. In diesem Erleben Gottes aber, begreift sich der Mensch zugleich als das freie Kind eines allgütigen Vaters, das die Aufgabe hat, dis liegengebliebene Werk zu vollenden. Von diesem Augenblicke an weiß er, daß das Reich Gottes in allen seinen Brüdern und Schwestern ist, die zu derselben Aufgabe nütberufen sind. Hier aber ist das Zentrum der echten Humanität: Gollancz erzählt von dem chassidischen Rabbiner Nachmin, der einmal sagte, jeder sollte einen Mantel mit zwei Taschen tragen, in denen er je einen Spruch aufbewahrte: "Du bist nichts als Staub und Asche" und "Das ganze Universum ist für dich geschaffen". Demut und Berufung, schweigender Dienst und das Bewußtsein der menschlichen Unverlierbarkeit sind das Wesen echter Flumanität. Gollancz kommt als Jude aus jener großen Tradition des Chassidismus, in dem erneut in den polnischen Ghettos des achtzehnten Jahrhundert? die Liebe den Sieg über das Gesetz davontrug. Er hat diese Tradition dank einer seltenen Liberalität des Geistes in sich mit allen großen Lebenswerten der Menschheitsgeschichte zu einem Ganzen verbunden. Obwohl er die Fragwürdigkeit unseres Daseins mit grausamer Nüchternheit erkannt hat, glaubt er an die schöpferische Kraft, die sie überwindet. Jeder kann sie sich gewinnen, wenn er aus seiner Vereinsamung zu dam Ursprung zurückfindet, aus dem er entlassen wurde. Jeder kann sie nur in sich gewinnen, denn er muß als einzelner anfangen mit der Erkenntnis seiner Schuld.

Victor Gollancz zählt wie Allbert Schweitzer oder Martin Buber 2 den wenigen großen Vorbildern, die die Menschheit heute besitzt. Man kann ihn nicht hören oder mit ihm sprechen, ohne daß etwas von der Kraft auf einen selbst übergeht, die ihn zu seinem Leben befähigt.