Das, was unser Redaktionsmitglied Bernd Weinstein im folgenden zum Thema „Qualität“ zu sagen hat, mag scharf pointiert, in Einzelheiten vielleicht sogar überpointiert sein – aber ist es deswegen etwa falsch? Immerhin – wir sind auf Widerspruch gefaßt!

Nichts gegen Kartoffelhändler, Molkereibesitzer oder Haarwasserproduzenten! Wer aber die Tagungen der einzelnen Sparten der Wirtschaft besucht, ohne einschlägig vorbelastet zu sein, der muß während der drei oder vier Stunden dauernden Sitzungen glauben lernen, daß die Welt wirklich nur aus Kartoffelessern, Milchbeziehern oder Haarwasserbenutzern besteht. In jedem Referat und jeder Diskussion kommt dabei von Berufs wegen die „volkswirtschaftliche Nützlichkeit und Notwendigkeit“ zum Zuge – und die Qualität. Die Qualität des Einzelproduktes jeder Sparte, streng für sich betrachtet.

Das ist nun sehr einseitig gesehen und eine lange Einleitung, aber aus gutem Grund: Die Scheuklappenpolitik verführt zur Unterschätzung – höchst aktuell! – der vielschichtigen, alle Branchen unterschiedlich und wechselnd belastenden Nachfrage durch den Käufer. Eine Kontinuität in der Nachfragegestaltung in der Art der Kaufkraftverwendung gibt es noch nicht. Herr und Frau Jedermann wollen mit ihrer gegenüber dem Frieden knappen Kaufkraft friedensmäßig leben. Die Frage ist, was sie sich unter Friedensstandard vorstellen, obwohl das Geld Zum Leben auf diesem Niveau einfach nicht auslangt. Denn es wird doch weniger produziert als damals, und Reserven, die „zuzusetzen“ wären, sind nicht da. Vielmehr gibt es neben den Ausgaben für den Alltag einen echten Nachholbedarf zu decken.

Unter Frieden verstehen Jedermanns in erster Linie Qualität. Wenn sie kaufen, dann soll die Ware ihrer Qualitätsvorstellung entsprechen. Kennt der Produzent dieses vage Qualitätsbedürfnis? Betreibt die breite Masse der Erzeuger so etwas wie Nachfragekontrolle? Oder ist es nicht noch vielfach so, daß das Denken in „zustehendem“ Marktanteil und in Produktionstechnik überwiegt, das Verkaufenkönnen daher erst langsam gesehen und begriffen wird? Ohne mit erhobenem Zeigefinger moralisieren zu wollen: Der Anbieter macht sich zu wenig Gedanken über die Nachfrage. Und die Nachfrage lebt in Friedensillusionen. Es fehlt die Kontinuität. Statistiken kommen immer zu spät, und dann sind sie noch so aufgebaut, als ob an Dagewesenes angeknüpft würde. In der formalen Zahl ist das natürlich möglich. Aber Zahlen sind Mengenmessungen, die Qualitätsbestimmungen verdecken sie. Die Seifenproduktion z. B. ist prozentual gegenüber Herbst 1948 angewachsen; die Seifenqualität hat aber inzwischen eine Wandlung (über Friedensstandard) erfahren, die sich nur in den Statistiken der einschlägigen Rohprodukte niederschlägt.

Das Qualitätsgefühl ist beeinflußbar. Ein Beispiel? Kürzlich ist ein mittlerer Fabrikant kosmetischer Erzeugnisse, der erst nach dem Kriege begonnen hatte, Konkurs gegangen, obwohl seine Konkurrenten versicherten, daß er qualitativ ausgezeichnete Ware produziert hat. Man könne sich den Konkurs nur so erklären; der Firma habe der eingeführte Name gefehlt. Da das Publikum in Friedenszeiten denkt, kauft es auch nur Friedensware, also solche, die damals bereits einen Namen hatte, mithin eine „Marke“ war. Es sei eine allgemeine Erscheinung, daß mit der größeren Bewegungsfreiheit in der Wirtschaft die alten bekannten. Marken sich immer mehr durchsetzten. Hier schlägt sich also die Friedensillusion sehr real in materiell entscheidender Marktgestaltung nieder. Und wenn „4711“ oder „Mouson“, um nur zwei Namen herauszugreifen – kein Werturteil! –, die guten alten Zeiten mit der Postkutsche oder der Rokokodame in ihrer Werbung herausstellen, so ist das nichts weiter, als objektive Qualität mit betonter Meinungsqualität zu verbinden. Denn die Jedermanns glauben doch, die Ware nach freiem Entschluß, als König Kunde, zu kaufen. Formal ist es auch so. Da „man“ aber aus Tradition, aus modischem Einfluß oder aus Suggestion oder Illusion die Markenware kauft, wird nicht selten Ware gegen Geld (zu welchem Preis?) statt Geld gegen Ware gegeben. Objektiv kann festgehalten werden, daß auf weiten Gebieten die Nachfrage meinungsgebunden ist, das meinungsbildende Angebot folglich die Nachfrage bestimmt.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Mit Millionenaufwand sollte Meinung für eine neue Orientzigarette geschaffen werden. Jede Anschlagsäule, jede Zeitung berichtete darüber. Die Zigarette schlug nicht ein. Kein Fünftel aber verschlang die Werbung des gleichen Unternehmens für eine andere Zigarette, die einen bekannten Namen aus dem Frieden trug. Die Erinnerung an damals reichte aus. Diese Zigarette macht ihren Weg. Sie illusioniert den Frieden. Wer fragt noch, wie es 1946 war? Mag das Jahr 1936 sich wundern, daß es zum Basisjahr des Wiederaufbaues auserkoren wurde – psychologisch entspricht dieses Jahr der Käufermasse. Wer sich darauf einstellt, wird verkaufen können,