Im Missouri Tal war ein Kampf entbrannt. Wer würde siegen: der Mensch gegen die Natiur? Oder würden die Amtsstuben Sieger bleiben? Der Missouri zerstörte oft in wenigen Stunden, was Menschenhände in Monaten mühevoller Arbeit aufgebaut hatten. Nur spärlich drangen Nachrichten von der "Missouri Front" an die Öffentlichkeit. Denn so sehr die Amerikaner es lieben, bei Beginn eines Unternehmens die Trommel zu rühren, so schweigsam pflegen sie zu sein, wenn die Arbeit läuft, zumal, wenn es Schwierigkeiten gibt .

Der 4863 8 Kilometer lange Missouri hat mit seinen Quell- und Nebenflüssen einmal das größte und fruchtbarste "Wasserbecken der Vereinigten Staaten gebildet. Jahrzehntelang war der Strom die "Hauptschlagader des Goldenen Westens". Prächtige Weizenfelder wogten an seinen Ufern. Im Schatten der Rocky Motmtains weideten auf saftigen Wiesen riesige Rinderherden, und unmittelbar am Strom rauchten die Schlote aufstrebender Fabrikstädte. So war es, bis der Raubbau der Holzindustrie die Wälder vernichtete! Ölbohrungen zerstörten die Wiesen; Sandstürme laugten den Boden aus. Das schlimmste Übel des Missouri Tales aber waren furchtbare, periodisch wiederkehrende Hochfluten und Dürrekatastrophen. Um die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts nannte man den Strom, auf dem die Schiffahrt fast gestorben war, nur noch verächtlich den Big Mo, den "Großen Schlammigen"; nichtsdestoweniger wurde der Strom im Frühjahr jedes Jahres zu einem reißenden Binnenmeer . Die Talbewohner waren sich einig, daß etwas geschehen müsse. Aber jahrelang stritten sich Gouverneure, Generale, Ingenieure und anonyme Gewalten um die Art wie man das Problem anpacken solle. Schon drohte Franklin D. Roosevelt mit Regieruagsmaßnahmen —; da griff Big Mo selbst ein: Die Hochflut von 1944 war die wildeste und verheerendste seit 60 Jahren; sie überschwemmte sogar die Büros der Ingenieure, die sich an der Bändigung des Stromes versucht hatten. Plötzlich geschah ein Wunder: Die Ingenieure und Beamten einigten sich auf den Pick and Sloan Plan, kurz PSP genannt, und die Arbeit konnte beginnen — Zuerst wurde eine übergeordnete Instanz gegründet, ein Komitee, das offiziell IAC (Missouri Basin Sloan, einem der geistigen Väter des PSP, geleitet wird. Das ständige Hauptquartier des IAC ist Onraha im Staate Nebraska.

Und dies war das wichtigste Vorhaben: Bau von 105 Staudämmen und Stauseen zum Schutz vor Ülberschwemmutigen und Dürren durch Aufspeichern des Hochwassers und Regulieren des Niedrigwassers . Errichtung von 43 hydroelektrischen Kraftwerken, die bei voller Leistung mehr als elf Milliarden kW Stunden Strom im Jahr als Basis der industriellen Entwicklung erzeugen werden . Verbesserung der landwirtschaftlichen Bedingungen, Konservierung des Bodens durch Bau von mehreren tausend Kanälen und Erbohrung von Brunnen Verbesserung der Flußschiffahrt durch Begnadigung des Stromes und Bau von Kanälen.

Um das gewaltige Ausmaß des Planes sinnfällig zu machen, müssen wir uns die Größenverhältnisse des Raumes, in dem er verwirklicht wird, vor- Augen halten: Das Missouri Tal erstreckt sich über zehn Staaten von Montana bis Missouri. Es ist grob gerechnet 2092 Kilometer lang und 1120 Kilometer breit. Seine rund 1 4 Millionen Quadratmeter umfassende Fläche schließt ein Sechstel der Vereinigten Staaten ein. Das ist mehr als Deutschland von 1937, mit Frankreich, Holland und Belgien zusammengenommen. Und doch zählte dieses Gebiet nur sieben Millionen Einwohner. Nur 582000 Bauernhöfe standen auf seinem Boden, denn nur ein Drittel der gesamten Anbaufläche wiar vor dem Beginn des PSP kultiviert.

Schon heute ist das Uferdammsystem zu 83 v. H vollendet. Es reicht etwa 2200 Kilometer weit von Sioux City bis St. Louis. Besonders profitiert von diesem System haben die. Industriebezirke von Omaha und. Cansas Gcy. In diesen Gegenden siedelten sich seither 36 große Industrieunternehmen an. Die größten landwirtschaftlichen Erfolge aber haben die Staaten Wyoming und Montana zu verzeichnen. In beidien Staaten sind heute, bereits mehr als ias Doppelte der früheren Ackerfläche kultiviert. Man erntet dort heute zwei- bis dreifache Erträge an Zuckerrüben, Bohnen und Kartoffeln. Aber nicht nur die Farmer profitieren von der Bewässerung: die Bevölkerung der Stadt Powell hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt! Den größten Nutzen von allen Staaten des Missouri Tales aber wird Nord Dakota haben. In diesem von Staub und Bodenerosion heimgesuchten Gebiet sank die Bevölkerungszahi zwischen 1920 und 1949 von 680 000 auf 530 000 Menschen. In Nord Dakota wird nicht, wie in den anderen Gebieten des Tales, Neuland aus Wüste gewonnen, sondern hier handelt es sich darum, ehemals fruchtbarstes Ackerland durch Bewässerung und Meliorationen für die Kultur zurückzugewinnen. Aber die Menschen waren mißtrauisch geworden. Was sollte, so argumentierten die Drylandfarmer, ihnen ein Plan nützen, der ihnen auf Jahre hinaus geldliche Opfer abverlangte und zunächst nur geringen Profit versprach? Da griff die Natur selber in die Debatte ein. Die furchtbaren Wirbelstürme, die im April und Mai 1948 durch Nord Dakota tobten, trugen in riesigen gelben Wolken davon, was jahrelange Mühen an Boden kultiviert hatten. Da wurden die Farmer bekehrt.

Das kühnste Unternehmen des ganzen Missouri Beckens wurde jetzt in Gang gesetzt: Hunderte von Kilometern weit leiteten die Ingenieure das Wasser aus den Stauseen bei Fort Peck durch einen breiten Kanal in die Staubecken und natürlichen Seen des nordöstlichen Dakota. Dort hebt heute ein gigantisches Pumpwerk das Wasser 31 Meter hoch in einen Stausee, von dem es über ein Netzwerk kleiner Kanäle und Gräben durch Eigengefälle auch in den letzten Zipfel Dakotas gelangen soll. Dereinst soll das durch diese Kanäle fließende Wasser in den CheyenneFiluß geleitet werden, um den Teufelssee, der jetzt fast völlig trocken ist, wieder zum natürlichen Staubecken zu machen. Auf diese Weise werden mehr als ein Dutzend wasserloser Städte, die zwar außerhalb des Missouri Tales liegen, aber in den Plan einbezogen sind, wieder Leben erhalten!