Nach dem Abbruch der Hattenheimer Gespräche haben beide Verhandlungspartner, der Beauftragte der Gewerkschaften und auch der Vertreter der Unternehmer, in zwei voneinander unabhängigen Pressekonferenzen gesagt, daß man auf unüberbrückbare Gegensätze gestoßen sei. Ist dies wirklich so?

Es ist im Grunde in Hattenheim sehr viel erreicht worden. Man ist sich einig über die Grundzüge eines künftigen Bundeswirtschaftsrates, über den Aufbau von Landeswirtschaftsräten auf regionaler Ebene, über die Einschränkung der Aufgaben von Industrie- und Handelskammern und weitgehend auch über das außerbetriebliche Mitbestimmungsrecht der Gewerkschaften auf personellem und sozialem Gebiet. Keinerlei Einigkeit jedoch konnte erzielt werden hinsichtlich des Mitbestimmungsrechtes im innerbetrieblichen Bereich. Die Gewerkschaften haben unerwarteterweise die sehr extreme Forderung gestellt, in Betrieben mit mehr als 1000 Arbeitnehmern 50 v. H. aller Aufsichtsratsposten mit ihren Vertretern zu besetzen. Die Unternehmer, die sich im ganzen sehr aufgeschlossen zeigten, waren bereit, Arbeitnehmer aus dem eignen Betrieb zu einem Drittel an den Aufsichtsratsposten zu beteiligen. Sie weigern sich jedoch kategorisch, Plätze für nicht zum Betrieb gehörige Vertreter der Gewerkschaften zur Verfügung zu stellen, weil dies, wie sie betonten, zu einer Fernsteuerung der gesamten privaten Wirtschaft durch den Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Düsseldorf führen würde.

Man muß sich darüber klar sein, daß den Gewerkschaften, deren ursprüngliche Aufgabe es war, in der freien Wirtschaft den einzelnen Arbeiter durch kollektiven Zusammenschluß gegen das kapitalistische Unternehmertum zu schützen, neue Aufgaben gestellt werden müssen, weil die alte weitgehend erfüllt ist. Man könnte sich sogar fragen, was eigentlich ihre Aufgabe noch ist, wenn zum Beispiel in einem Lande die Industrie sozialisiert ist und es keine kapitalistischen Unternehmer mehr gibt. Ihren neuen Aufgabenkreis sollten die Gewerkschaften darin sehen, den Arbeiter in eine neue Verantwortung hineinzustellen, und nur darum müßte es beim Mitbestimmungsrecht gehen.

Es handelt sich darum, daß wir jenseits der Schlagworte reaktionär oder fortschrittlich eine Betriebsverfassung ausarbeiten, die wirklich modern ist und der veränderten Wirklichkeit Rechnung trägt. Wir Deutschen, die wir tiefer als irgendein anderes Volk hineingeschaut haben in den Abgrund, den Machtrausch und Geltungssucht im Verein mit dem angebeteten Wunder technischer Organisation geschaffen hatten, müssen etwas finden, das das Recht des Individuums mit dem Begriff der Verantwortung für das Ganze verbindet. Im Hinblick auf das Mitbestimmungsrecht kann dies nicht in der Weise geschehen, daß die Aufsichtsratsposten von der anonymen Organisation der Gewerkschaftszentrale besetzt werden, wohl aber dadurch, daß die Unternehmer bereit sind, auf diese Plätze Angehörige ihrer Belegschaft zu setzen. M. D.