Wer um die Mittagszeit die Piazza di Spagna in Rom überquert, hat Gelegenheit, einen eigentümlich aussehenden älteren Herrn auf sich zukommen zu sehen. Auf einem massigen, übermittelgroßen Körper in etwas salopper, aber sehr wohlgewählter Kleidung sitzt ein totenbleiches, ein wenig gedunsenes Cäsarengesicht mit mächtig ausladender Nase und tiefen Ringen unter den Augen; das glatte, schlohweiße Haar hängt ihm mit einer Strähne in die Stirn, der Blick ist hochmütig in die Ferne gerichtet, als sähe er durch alles und jedermann hindurch. Das ist Giorgio de Chirico, Italiens berühmtester lebender Maler.

Der heute Sechzigjährige, der in Griechenland geboren ist, hat vor dem ersten Weltkrieg in München, dann vornehmlich in Paris studiert. In Paris erregte er um das Jahr 1920 zuerst mit Arbeiten seiner „metaphysischen Periode“ Aufsehen. Heute aber verleugnet er nicht nur die Werke jener frühen Zeit, sondern führt von seinem Atelier an der Piazza di Spagna aus einen wütenden Kampf gegen jedermann, der sich erkühnt, den „metaphysischen“ de Chirico für einen großen Künstler zu halten.

Als vor zwei Jahren die Organisatoren der Biennale von Venedig in einer retrospektiven Gesamtschau moderner italienischer Kunst ohne sein Einverständnis auch einen Saal mit „metaphysischen“ de Chiricos einrichteten, brachte der Meister prompt gegen die Biennale eine Schadenersatzklage auf ein paar Millionen Lire ein, über die demnächst vor den Gerichten entschieden werden soll. So kämpft er gegen seinen eigenen Schatten, gegen den Rivalen, der niemand anderer ist als er selbst.

Jetzt, in seiner „dritten Periode“ (die zweite ist die der „Chirico-Pferde“ gewesen, von 1930 bis 1940) malt er fast nur noch Porträts, Selbstporträts und Stilleben. Er hält sich für den Begründer eines neuen italienischen Renaissancestils und hat für alles, was mit -Surrealismus und dergleichen zusammenhängt, nur abgründige Verachtung. Salvador Dali ist in seinen Augen eine ..trübselige Gestalt, mit der sich die Gesundheitsbehörden beschäftigen sollten“, den französischen Surrealisten Paul Eluard nennt er kurzerhand einen „Pseudo-Poeten“ und André Breton einen „hochtrabenden Esel“.

Wenn man de Chirico reden hört oder die wutflammenden Artikel liest, mit denen er die italienische Presse bedenkt, so ist ganz Paris nichts weiter als ein Nest gewissenloser Kunstschieber und Spekulanten. Diese Kamarilla hat aus rein geschäftlichen Interessen Maler, wie Gauguin, Cézanne, van Gogh oder Picasso, „erfunden“, das heißt: diese durchaus wertlosen Maler durch geschickte Propaganda zu bewunderten Größen aufgeblasen, um an ihren Bildern reich zu werden. Dieselbe Händlerclique ist es aber auch, die beharrlich den „metaphysischen“ de Chirico gegen den wirklichen ausspielt. Warum? Weil jene Kunstschieber vor bald dreißig Jahren um einen Pappenstiel eine Unmenge Bilder des damals noch jungen und wenig bekannten Malers an sich brachten und diese möglichst teuer an den Mann bringen möchten! Darum, und nur darum, so behauptet er immer von neuem, wird seine erste Periode heute noch zu Ungunsten der allein wertvollen – dritten in den Himmel gehoben!.

Aber de Chirico wehrt sich gegen seine „Feinde“, das heißt die Bewunderer seines früheren Schaffens, nicht nur, indem er sie unermüdlich als „Idioten“ und „Schwindler“ bezeichnet, sondern auch auf würdigere Weise. „Ich besiege sie durch Arbeit“, sagt er selbst, und so sitzt er Tag für Tag acht bis zehn Stunden an der Staffelei und malt. Denn, so rechnet er, je mehr neue Bilder er hervorbringt, desto schwieriger wird es für die „Spekulanten“, den „metaphysischen“ de Chirico als den allein richtigen auszugeben. Und er ist in der Tat von einer verblüffenden Fruchtbarkeit: Zu einer Ausstellung in London im vergangenen Frühling sandte er gleich mehr als hundert Bilder der „dritten Epoche“, und gegenwärtig hat er nicht weniger als 37 Gemälde gleichzeitig in der Arbeit.

Percy Eckstein