Von unserem Berliner K.W.-Korrespondenten

Berlin, im April

Dies ist die amtliche Liste der in den HO-Läden der „Deutschen Demokratischen Republik“ erhältlichen Waren; selbst die Reihenfolge, so skurril sie scheinen mag, ist amtlich: Weizenmehl, Nudeln, Weißbrot, Kuchenbrötchen, Buttercremetorte, Schweinsohr, Butterkeks, Marmelade, Kunsthonig, Obstkonserven (Kirschen), Schweinefleisch, Huhn, Margarine, Butter, Speiseöl, Fettkäse, Eier,, einfacher Anzugstoff aus Zellwolle, Futterstoff aus Zellwolle, Dekorationsstoff, Möbelbezugstoff, Läuferstoff (Haargarn), Herrenunterhose aus Zellwolle, Kindertrainingsanzug, Damenstrümpfe, Kunstseide, links gewirkt, Herrensocken (Zellwolle), Herrenhut, Herrensporthemd, Damenkleid aus Zellwolle, Pelzmantel (Skunks-Kanin), Nähgarn, Schulranzen, Damen-Lederschuhe, Aluminium-Schmortopf, Fotoapparat „Weltax“, Briefpapier in Kassette, Fahrräder, Toilettenseife, Akkordeons (120 Bässe), Dachpappe ...

Vor kurzem hat die vierte Preissenkung in den Staatsläden stattgefunden, die das Schaufenster des östlich verordneten Lebensstandards darstellen. Es ist ein Lebensstandard, der den davon Betroffenen in Prozenten vorgerechnet wird. Der Handelsorganisation nämlich kommt es nicht darauf an, mitzuteilen, daß ein Schnitzel jetzt bei ihr 15,60 Mark kostet, sondern daß dieser Preis gegenüber dem November 1948 um 51 v. H. niedriger ist. Die Werktätigen, die jetzt angeblich „noch mehr“ in den Genuß dieser noch immer maßlos überteuerten Waren kommen sollen, können selbstverständlich heute wie gestern nichts davon kaufen. Etwa 18 Millionen leben in der Sowjetzone, und in lediglich 724 Orten dieser Zone gibt es überhaupt bisher HO-Läden. Ein Drittel davon befindet sich allein in Ostberlin. Weitere hundert sind in Potsdam etabliert, und auch die übrigen Läden – verteilt in den Städten der Zone – sind die Einkaufsgelegenheiten für die Protégés des neuen Regimes: die Arrivierten, die „Aktivisten“, die Funktionäre, die Staatsbeamten und alle jene, die sich durch außerordentliche Hörigkeit gegenüber dem Regime Titel und Belobigungen zugezogen haben, Für sie gibt es höhere Einkommen, Geldprämien als „Leistungszulagen“. Für die Masse der Ostzonen-Millionen bleiben die normalen Löhne und die rationierten Lebensmittel auf Karten. Für die Masse bleibt noch immer die Erwartung, ob in der nächsten Dekade auf Fleischmarken Hering, auf Fettmarken Käse ausgegeben wird.

Der Herbst ist der angekündigte Termin, an dem es soweit sein soll. Dann sollen, so wird den resigniert auf die HO-Preistabellen Blickenden „verkündet“, die Preise der rationierten Waren und der HO-Waren so einander angeglichen sein, daß dann die Lebensmittelkarten möglicherweise verschwinden könnten. Mit Ausnahme von Fleisch und Fett, so lautet freilich die Prophezeiung. Aber daß die gegenwärtig geltenden Preise für die kartenpflichtigen Rationen zu niedrig seien, wird auch bereits angekündigt.

So werden die Staatsläden weiterhin in der Sowjetzone der Vergleichsmaßstab dafür bleiben, was der Osten gern möchte und so wenig kann. Sie sollen vor allem – und deshalb ist dieser Schein-Kapitalismus vor allem in Ostberlin und an die Berliner Randbezirke angesiedelt – die Westberliner und die aus Westdeutschland Anreisenden verlocken, die schlechte Kursrelation zu erheblichen Investitionen in Ostmark zu benutzen. Sie haben damit erheblichen Erfolg. Trotz der durchweg minderen Qualität der Waren, die die HO-Läden anbieten, trotz des völligen Mangels an Auswahl, bei der letzten Cstmark-Baisse, die den Kurs auf 1 : 9 drückte, wurden die HO-Läden alle Ladenhüter los.

Danach haben sie denn also, zum vierten Male seit ihrem Bestehen, die Preise bestimmter Warengruppen gesenkt. Es ging nicht, mehr, daß ihre Margarine 18 Ostmark kostete, in Westberlin dafür aber eine Westmark zu zahlen war. Ein Kurs von 1 : 18 war so schnell nicht zu erzielen. Die Geschäfte waren leer geworden. Westberlin, voll und übervoll mit allem, was es brauchte und nur wünschen konnte, hatte die nach Nachfragen sich richtenden Preissenkungen in seinem Qualitätsbereich durchgesetzt. Hier notierten Preise, die – gemessen an der geringen Kauffähigkeit der mit 300 000 Arbeitslosen belasteten Weststadt – vielfach schon unter dem Preisspiegel Westdeutschlands lagen. Das HO-System, ein politisch-wirtschaftliches Konkurrenz-System gegen Westberlin, war tödlich bedroht. Deshalb befahl die „Deutsche Demokratische Republik“ ihrer amtlichen Handelsorganisation auf Biegen und Brechen eine für diesen Zeitpunkt keineswegs vorgesehene Preissenkung besonders für solche Objekte, bei denen nach ’Berechnung der Ostexperten eine gewisse Konkurrenz zum Westen vielleicht zu erwarten war.