Von einer deutsch-englischen Verständigung ist wenig die Rede, sehr viel weniger jedenfalls als von einer deutsch-französischen. Das mag insofern begreiflich erscheinen, als zwischen England und Deutschland nichts steht, was etwa dem Saarproblem vergleichbar wäre. Aber das Bild verschiebt sich, sobald man die psychologischen Voraussetzungen ebenso ernst nimmt wie die politischen Tatbestände. Wenn man sich bei uns heute die nicht ganz sinnlose Mühe machen würde, nach dem Gallupsystem die Frage zu stellen: Welche unter den drei westlichen Besatzungsmächten ist die unbeliebteste?, so würde sich wahrscheinlich ein nicht unerheblicher Vorsprung für England ergeben. Im Jahre 1945 war es umgekehrt. Fraglos genoß England damals von allen Besatzungsmächten die größten Sympathien.

Dieser Umschwung von einer probritischen zu einer antibritischen Stimmung, von der hoffenden Zuneigung zur enttäuschten Bitterkeit, sollte von keinem Engländer und von keinem Deutschen leicht genommen werden. Im Bewußtsein der! deutschen Bevölkerung werden die Meinungen und Gefühle aus dem letzten Akt der Besatzungsherrschaft haften bleiben, nicht die aus dem ersten Akt. Und wir nähern uns ja dem letzten Akt dessen, was bei uns als Besatzungsherrschaft empfunden wird. Schon heute besteht der Eindruck, daß etwa die amerikanischen Truppen eher zu unserem Schutze als zum Schutze gegen uns in Deutschland stehen. Das Besatzungsstatut wird in absehbarer Zeit revidiert werden. Die alliierte Kontrolle wird nachlassen bis zur Unmerklichkeit, die Hohen Kommissare werden in nicht zu ferner Zukunft Aufsichtsorgane für den Notfall sein, für einen Notfall, der weder in der Form politischer Anarchie noch in der Form eines Neonazismus irgendwie wahrscheinlich ist. Dies alles läßt sich nach der Entwicklung der letzten Jahre mit hinreichender Wahrscheinlichkeit voraussehen. Deutschland kann nicht zugleich Kanton und Kolonie Europas sein, es wird als Kanton frei sein müssen.

Man könnte natürlich in London oder auch im britischen Hauptquartier in Wahn denken: „Was schert uns dies alles? Was kümmert es uns, wenn die Deutschen, die sich niemals durch politische Klugheit auszeichneten, uns im letzten Akt weniger, lieben als im ersten? Die Besiegten haben nach der Gunst der Sieger zu fragen, nicht umgekehrt die Sieger nach der Gunst der Besiegten.“ Ja, so könnte man denken in London und Wahn. Aber der Weisheit letzter Schluß wäre dies nicht. Im kommenden Europa wird es nicht auf den Aspekt von Siegern und Besiegten ankommen. Für das kommende Europa ist die Freundschaft seiner Völker unentbehrlich, und diese Freundschaft verträgt in keinem einzelnen Falle eine allzu schwere Vorbelastung. So wäre es denn nicht ganz fernliegend, wenn man sich – auf britischer Seite fragte: „Ist es möglich, die deutsche Stimmung gegen England anders, wesentlich anders zu gestalten, noch ehe der letzte Akt zu Ende geht? Und müßte England irgendwelche entscheidenden Positionen, irgendwelche politischen Notwendigkeiten opfern, um einen solchen erneuten Stimmungswandel herbeizuführen? Was, mit anderen Worten, kostet die deutsche Freundschaft?“

Die Antwort auf diese nicht unwichtige Frage der britischen Besatzungspolitik wäre sehr leicht zu finden. England müßte nämlich einen äußerst geringen Preis für Deutschlands Sympathien bezahlen. Es müßte sehr wenig wirklich tun und im wesentlichen nur längst unzeitgemäß gewordene Handlungen unterlassen, von denen niemand einen Vorteil, aber Deutschland den Schaden hat.

Warum, zum Beispiel, ist es notwendig, daß der britische Außenminister, Ernest Bevin, über Deutschland in gallig-verärgerter Weise zu sprechen pflegt, mit knurrigen Worten, die eher eine persönliche Antipathie als eine politischsachliche Haltung auszudrücken scheinen? Weder Acheson noch Robert Schuman würden heute derart mißgestimmte Kollektivurteile über einen vermeintlichen deutschen Volkscharakter abgeben, wie Bevin dies erst kürzlich vor dem Unterhaus tat. Man dürfe nie vergessen, mit was für einer Person man es zu tun habe, sagte er, und er meinte hiermit Deutschland. Und er fügte hinzu, der Nationalsozialismus habe den deutschen Charakter nicht etwa verändert, sondern nur besonders deutlich zum Ausdruck gebracht. Was eigentlich soll mit einer solchen Kollektivbeleidigung gewonnen werden? Hatten wir nicht unter Hitler Gelegenheit genug zu lernen, daß alles Gerede über „die“ Engländer, „die“ Amerikaner, „die“ Juden Unsinn ist. Es verhält sich mit „den“ Deutschen nicht anders. Ein Außenminister, der in Europa heute noch gute und böse Völker unterscheidet, ist der europäischen Verständigung nicht gerade förderlich.

Und dann die Demontagen! Natürlich kennen wir das britische Argument, die Demontagebeschlüsse seien von allen drei Besatzungsmächten gemeinsam gefaßt worden, und es sei nun einmal Pech, daß fast alle noch zu demontierenden Werke sich in der britischen Zone befänden. Aber ganz so einfach verhält es sich nicht. Läge es nicht nahe, daß die Besatzungsmacht, die noch im Jahre 1950 neue Demontagebefehle ausgibt, die im Ernstfall Truppen gegen Demonstranten und Streikende aufbietet, die die Stimmung in den betroffenen Werken und Gebieten besser kennt als irgend jemand anders – daß gerade diese Besatzungsmacht sich dagegen verwahrte, längst sinnlos gewordene Beschlüsse auszuführen? Statt dessen beginnt man nach der Einladung Deutschlands nach Straßburg noch mit neuen Demontagen. Statt dessen wird in Salzgitter, ohne jeden Nutzen für die Westmächte, den Sowjets in die Hände gearbeitet.

Statt dessen läßt man es zu, daß sogar in dem bis vor kurzem noch englandfreundlichen Hamburg wegen des Trockendocks „Elbe 17“, dessen Existenz niemanden, dessen Sprengung aber den friedlichen Elbtunnel gefährdet, die Stimmung umschlägt. Und im Schatten der sowjetischen Gefahr wurden Luftschutzbunker gesprengt. Weshalb das alles? Man sucht nach Gründen. Und da niemand glauben will, daß hier einfach nach einem „Gesetz der Trägheit“, nach einem Fahrplan von ehedem gehandelt wird, vermutet man Konkurrenzfurcht, ewige Feindschaft, Krieg bis in den Frieden hinein. Wie leicht wäre dies zu vermeiden, wenn die zuständige Besitzungsmacht, statt sich auf Dreimächtebesdilüsse zu berufen, als Treuhänderin ihrer Zone hemmend, schützend, erhaltend wirken würde. Aber von Untersuchungsausschüssen gegen nutzlose Demontagen hören wir aus Washington, nicht aber aus London.