Wenn bei gut 70 bisher vorliegenden oder angekündigten DM-Umstellungen die ganz überwiegende Mehrheit der Aktiengesellschaften ihr Kapital voll im Verhältnis 1 : 1 umstellt, so muß ein derart günstiges Ergebnis auf den ersten Blick überraschend wirken. Denn an dem Maßstab des Geldschnitts bei der Währungsreform gemessen, wurde allgemein auch ein weitgehender Kapital schnitt bei den Aktiengesellschaften erwartet. Dies um so mehr, als Kriegs- und Kriegsfolgeschäden mit Zerstörungen, Demontagen, Enteignungen in der Ostzone und Verlust von Auslandsbesitz ja erhebliche Vermögenseinbußen mit sich gebracht haben.

Angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs drängen sich unwillkürlich zwei Fragen aufs erstens, sind bei den betreffenden Aktiengesellschaften trotz aller Verluste ausreichende Vermögenswerte zur vollen Deckung des alten RM-Kapitals in DM vorhanden? Zweitens, wie ist die unverkennbare Tendenz der Verwaltungen zu erklären, das Aktienkapital möglichst in alter Höhe beizubehalten?

Die Beantwortung der ersten Frage hat von dem Ziel und Zweck des DM-Bilanzgesetzes auszugehen, das geradezu die Aufstellung neuer Bilanzen nach den wirklichen Werten vom Bilanzstichtag fordert. Tatsächlich war es kein großes Geheimnis, daß in der Vergangenheit, im Zeichen des Dividendenstopps, des Vierjahresplans und der Rüstungsaufträge eine ziemlich bedeutende Erweiterung vieler industrieller Anlagen stattgefunden hat, für die die Mittel durch hohe Abschreibungen, Rückstellungen und Rücklagen, also im wesentlichen im Wege der Selbstfinanzierung, aufgebracht wurden. Ohne daß es nach außen besonders zum Ausdruck kam, z. B. durch Erhöhung des Aktienkapitals oder Hereinnahme von Fremdmitteln, war der innere Wert vieler Unternehmungen allmählich so gestiegen, daß das tatsächliche Vermögen weit über das Nennkapital hinausging. Mit anderen Worten: es hatten sich beträchtliche stille Reserven in Form unterbewerteter Vermögenswerte, Rückstellungen, Wertberichtigungen usw. angesammelt, die jetzt nach dem DM-Bilanzgesetz steuerfrei zum Ausgleich buchmäßiger Verluste herangezogen oder an Aktienkapital umgewandelt werden können.

„Die Bemessung dieser Neubewertungen und zugleich die Festsetzung des neuen Grundkapitals stellt die Aktiengesellschaften vor eine Reihe schwieriger Probleme, da nacht nur kaufmännische und finanzielle, sondern vor allem auch steuerliche Gesichtspunkte gegeneinander abzuwägen sind. Wenn trotzdem die große Mehrzahl sich für Beibehaltung des Grundkapitals in alter Höhe entschließt, so liegt darin mehr als nur ein Beweis, daß dies für die speziellen Zwecke und Aufgaben des Unternehmens sowie seinen Umfang als angemessen erachtet wird. Noch mehr kommt darin das Bestreben zum Ausdruck, sich durch hohe Anlagewerte hohe Abschreibungen zu sichern und auf diesem Wege – wenn auch vielleicht augenblicklich unter partiellem Verzicht auf stille Reserven – die künftige Reservenbildung und damit das Eigenkapital zu stärken, mit dem Ziel, die erforderliche Anlageerneuerung bei dem herrschenden Mangel an Anleihekapital in Zukunft aus eigenen Mitteln finanzieren zu können.

Insgesamt steht somit der steuerliche Gesichtspunkt im Vordergrund‚ also: bei einem hohen Grundkapital in eine steuerlich bessere Position zu kommen als bei niedriger Kapitalisierung. Schlagen doch bei hohen Abschreibungsmöglichkeiten die dadurch erzielten Einsparungen an Ertragssteuern erheblicher zu Buch als die zusätzlichen Belastungen, die ein hohes Grundkapital an Vermögensteuern und Lastenausgleich erfordert. Wit.