Von Christoph Dohlen

Südafrika, das leuchtende Ziel so vieler Auswanderungswünsche, leidet an einer schleichenden Krankheit, die erst in den letzten zehn oder zwanzig Jahren in ihrer ganzen Gefährlichkeit erkannt worden ist: Verfall der Fruchtbarkeit des Landes und zunehmende Dürre. Die Landwirtschaft, von der ein Drittel der Europäer und fast drei Viertel der Eingeborenen leben, ist in akuter Gefahr.

Verglichen mit den USA oder gar mit Europa ist die südafrikanische Landwirtschaft jüngsten Ursprunges. Bis vor etwa 50 Jahren hatte sie volkswirtschaftlich nur geringe Bedeutung. Seitdem trägt sie den Charakter einer kommerzialisierten Ausbeutung des Landes, der es nicht sonderlich schwer fällt, die aufgespeicherten Kräfte des Bodens ohne Rücksichtnahme auf seine Erhaltung in klingende Münze zu verwandeln. Aber da der Boden nicht übermäßig reich ist, hält sein Fruchtbarkeitskapital nicht lange vor. Ist das Feld nach einigen Jahren erschöpft und bringt es keine ausreichenden Ernten mehr, dann nimmt der Besitzer ein neues Stück vor, rodet den Wald oder Busch mit Feuer oder Axt und pflügt es um. Die tausendfältige Wiederholung dieses Vorganges hat ganze Gebiete Südafrikas veröden lassen, in denen jetzt die Landschaft aus erschöpftem Ackerboden besteht, der allmählich in Wüste übergeht. Natürlich wird dadurch auch der an sich schon knappe Wasserhaushalt aus dem Gleichgewicht gebracht: der vegetationsarm gewordene Boden hält das Regenwasser nicht mehr, die Grundwasserbestände sinken erschreckend. Dafür nehmen die Überschwemmungen zu, weil die Regenfälle sturzbachartig an der Oberfläche abfließen und den Rest des noch vorhandenen Mutterbodens mit sich reißen und durch die Wasserläufe ins Meer spülen.

Es ist die alte Geschichte, die sich überall in den jungen Ländern wiederholt, sowie ihre landwirtschaftliche Produktion nicht mehr nur zur Erhaltung der Grundbesitzer dient. In diesem Stadium der Entwicklung liegt alles daran, billig und viel zu produzieren, billiger und mehr zu produzieren als in anderen Distrikten oder anderen Ländern.

Jedoch von solcher Ausplünderung des Bodens kann die Landwirtschaft nur so lange leben, als es ungeplünderte Gebiete gibt. Südafrika ist an dieser Grenze angekommen. Nach Berechnungen des Landwirtschaftsministeriums in Pretoria varliert die Union jährlich etwa 300 Millionen Tonnen Mutterboden an das Meer infolge falscher Bodenbehandlung durch die weißen und schwarzen Landesbewohner. Der größte lebende Experte für Fragen der Bodenbehandlung, der Amerikaner Hugh Bennett, hat nach dreimonatigem Studium an Ort und Stelle den Südafrikanern bescheinigt, daß ihnen in den letzten siebzig Jahren 30 v. H. ihres Ackerbodens ins Meer geschwommen sind, und daß es im heutigen Zustande einer „galoppierenden Erosion“ kaum noch einmal so lange dauern dürfte, bis auch der Rest vernichtet ist. Das wäre das Ende dieses Landes, denn trotz aller technischen Erfindungsgabe des Menschen – ohne lebendige Erde und ohne Vegetation ist ein Staatswesen dieser Größenordnung nicht lebensfähig. Dann würde auf den Atlanten der Zukunft dort, wo heute „Union von Südafrika“ steht, zu lesen sein: „Große südafrikanische Wüste, unbewohnt ...“

So hat sich seit wenigen Jahren auch in der breiteren Öffentlichkeit Südafrikas die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Bodenerosion der Staatsfeind Nr. 1 ist. Man beginnt einzusehen, daß die Eigentumsrechte des Grundbesitzers da aufhören müssen, wo seine Art der Bodenbehandlung die Gemeinschaft zu schädigen beginnt. Eine revolutionierende Einsicht! Denn sie führt dazu, daß der Staat oder die Gemeinde oder der Verband widerwillige Farmer dazu zwingen kann, gewisse Maßnahmen auf ihren Ländereien zu treffen oder zu unterlassen, oder die landwirtschaftliche Nutzung auf ihrer Farm eine Zeitlang überhaupt einzustellen. Zu diesem Zweck ist im Jahre 1946 ein Bodenerhaltungsgesetz (Soll Conservation Act) erlassen worden, daß die Handhabe für eine Reorganisierung der Bodenbehandlung gibt und in gewissen Fällen sogar Enteignungen zuläßt. Die Planung der notwendigen Maßnahmen liegt nach diesem Gesetz beim Staat (Abteilung für Bodenerhaltung im Landwirtschaftsministerium), die Durchführung bei kooperativen Farmergenossenschaften in den sogenannten Soll Conservation Districts.

Die Methoden, mit denen man dem Verfall der Fruchtbarkeit und der Abschwemmung des Bodens begegnen will, sind im wesentlichen die gleichen wie die in den USA erprobten: Schutz der noch bestehenden Wälder und Aufforstung neuer Waldgebiete; Verhinderung der Busch- und Grasbrände; Verringerung des Viehbestandes in überstockten Gebieten, zur Schonung der Grasnarbe; Einstellung jeden Ackerbaus an steileren Abhängen und Anlage von waagerechten Terrassen sowie horizontales Pflügen an allen leichteren Hängen; Einführung geeigneter Fruchtfolgen und Anbau .verschiedener Feldfrüchte in abwechselnden, waagerecht am Hang liegenden Streifen, sogenanntes „Strip Cropping“. Im Wasserbau sind einige große Stauanlagen nach amerikanischem Muster geplant, die außer der Krafterzeugung auch großen Irrigationsprojekten dienen sollen. Es hat allerdings erfahrungsgemäß keinen Sinn, mit derartigen Dammbauten zu beginnen, bevor nicht in den Einzugsgebieten der Flüsse Boden und Vegetation gesundet sind, da sich sonst die Staubecken innerhalb weniger Jahre mit Schwemmboden füllen und damit unbrauchbar werden. Weil man dies nicht voraussah, sind in den USA Hunderte von Millionen Dollar in Talsperren nutzlos verbaut worden. Darum sind die kleinen Dammbauten in den Quellgebieten der Flüsse und das Festhalten des Regenwassers auf Äckern und Weiden zur Verhinderung der Bodenauswaschung als Anfangsaktion einer Sanierung wichtiger als die Monsterprojekte der Talsperren.