Von allen Merkwürdigkeiten des neuen Völkerrechtes, das in Nürnberg erstmalig praktiziert wurde, war die ausdrückliche Bestimmung, eine Revisionsinstanz nicht zuzulassen, vielleicht die absonderlichste. Das Urteil eines amerikanischen Militärgerichts über einen deutschen Kriegsverbrecher ist laut Satzung „endgültig und unanfechtbar“. Und somit war es bisher unmöglich, Ungerechtigkeiten oder auch Fehlurteile zu berichtigen.

Es ist darum sehr zu begrüßen, daß die amerikanische Regierung sich nunmehr entschlossen hat, diesem Übelstand dadurch abzuhelfen, daß sie einen Clemency Board‚ also eine beratende Gnadeninstanz ernannt hat, die dem Hohen Kommissar zur Seite stehen wird. Dieses Gremium, das im Mai seine Tätigkeit aufnehmen soll, wird aus drei hochqualifizierten amerikanischen Juristen bestehen: David Peck, Präsident des Obersten Berufungsgerichts für New York, Frederick Moran, einem Fachmann für das Paroleverfahren und General Snow vom Sicherheitsamt des State Departments. – Kein Zweifel, wir wären noch glücklicher gewesen, wenn eine echte Revisionsinstanz geschaffen worden wäre, denn es liegt uns nicht daran, daß auf dem Gnadenwege in Anbetracht der mehr oder weniger zufälligen persönlichen Situation des Verurteilten, Strafmilderungen vorgenommen werden, sondern daran, daß unter Berücksichtigung des juristischen Tatbestandes die Schuldigen von den Unschuldigen geschieden werden. – Wir sollten uns aber, nachdem dies nun nicht geschehen ist, vor Augen halten, daß es nicht immer, wie wir Deutschen leicht meinen, das Wichtigste ist, seinen Standpunkt durchzusetzen, sondern daß es zum Beispiel in diesem Falle wichtig ist, daß Gnade geübt wird und vielleicht auch, daß man aus den Erfahrungen von Nürnberg gelernt hat, wie man es in Zukunft nicht machen sollte. Dff.