Gleich zu Anfang möchte ich zu meiner Entschuldigung sagen: Bitte schön, die Rotkehlchen, die Blaumeisen, die Buchfinken, die Buntspechte, die vor meinem Fenster drüben an den Bäumen herumhämmern, und selbst der Schwarzspecht, der zuweilen zu Besuch kommt, alle bieten sich jetzt im Frühling in einer leuchtenden Buntheit dar. Und zwar sind es besonders die Männchen, die die Farbigkeit angelegt haben. Ganz zu schweigen von den Erpeln, die auf dem nahen See sich tummeln. Ihre Farbenfreudigkeit ist geradezu impertinent. Bitte schön, und wo bleiben wir männlichen Menschen? Wir schleppen uns grau in grau durch den Alltag. Der Erpel in mir meutert. Ich habe mich entschlossen, etwas für meine Buntheit zu tun.

Nun brauche ich Kronzeugen. Ich brauche Männer, die mit Weltruhm bekleidet und die bereits gegen die Eintönigkeit der Männerkleidung Sturm gelaufen sind. Jawohl, ich fand erstklassige „Pioniere“ der Farbigkeit. Da war zunächst der große französische Dichter Alfred de Musset, von dem wir schon auf der Schule so schöne Sachen lernten, und den es auch schon gewurmt hat. „Der schwarze Anzug“ – so schrieb er – „den die Herren unserer Zeit tragen, ist ein schreckliches Symbol. Um dahin zu gelangen, war es nötig, daß die Rüstung Stück für Stück, die Stickerei Blume für Blume fielen. Die menschliche Vernunft hat alle Illusionen zerstört, aber nun trägt sie auch Trauer, weil sie getröstet zu werden wünscht...“ DiesenTrost übernehmen erfahrungsgemäß die Damen, die nie so töricht waren, sich so entsetzlich eintönige Kleidung aufhängen zu lassen. Die Mode wird von Herren gemacht. Aber für die Männer tun sie nichts! Das alberne Herumbasteln an den Reversen, ob sie etwas spitzer oder höher, etwas schmaler oder breiter sind, habe ich nachgerade satt.

Auf der Suche nach weiteren Kronzeugen stoße ich sodann auf den weisen Bernard Shaw, den man schon 1910 als ein „wandelndes Gemälde in Wasserfarben“ bezeichnet hat. Aber was sind Alfred de Musset und Bernard Shaw gegen den Amerikaner Orson Welles, der es nicht nur als Gatte der Rita Hayworth sondern als Regisseur und Schauspieler zu Weltruhm brachte, und der auf der Rangliste der Kleiderrevolutionäre an erster Stelle zu nennen, ist, weil er auch bei diplomatischen Empfängen, wo es fein zugeht, mit offenem Hemd und in bunten Anzügen erschienen sein soll. Mit diesem Kronzeugen bin ich natürlich gut bedient. Seine Autorität macht auch den Erpel in mir flügge. Ich gehe an den Frühlingshausputz heran, der mich selbst betrifft. Ich sehe nicht ein, warum ich den Buchfinken; Rotkehlchen und Spechten nachstehen soll.

Doch stelle ich bald fest, daß für die Erzeugung von Erpelhaftigkeit an einem Herrn nur das Hemd, der Schlips und die Socken übrigbleiben. Alles andere liegt mehr oder weniger grau in grau fest. Ich fische mir also den buntesten Schlips heraus, der aufzutreiben ist. Die erste Wirkung zu Hause ist entsetzlich. Man will meine Erpelhaftigkeit nicht. Man bezeichnet meinen neu erworbenen Schlips als eine geeignete Halskrause für Negerhäuptlinge, wenn sie betrunken sind und wenn sie den Kriegstanz der Papageienmasken anführen. Ähnlich erging es mir mit den Ringelstrümpfen, die ich ebenfalls, und zwar in den Farben des Regenbogens, erwarb (sie sollen schließlich zu allem passen). Die Sippe begann Boogie-Woogie zu tanzen bei ihrem Anblick. Daraufhin erschien der Hauswirt auf dem Plan und drohte mit Zwangsevakuierung. Und das alles, obwohl die Ringelstrümpfe erst zur Hälfte aus der Tüte herauslugten. Der Kauf eines wirklich farbigen Hemdes war auch nicht so einfach. Denn es sollte ja frühlingsmäßig sein. Die farbigen Hemden, die es für Herren gibt, sind aber ausschließlich fürden Skisport. Ausbrechende Erpelhaftigkeit der Herren im Frühling hat die Hemdenindustrie bisher keineswegs berücksichtigt, wie ich einwandfrei feststellen konnte. Es gelang mir schließlich nach langem Herumirren, ein Hemd in der Kombination gelb, rot- und lila zu finden. Ich gebe zu, es sieht aus, als ob einem kubistischen Maler verschiedene Ausziehtuschen über eine Tischdecke gekippt sind, und er nun in der Eile noch versucht hat, auf dem Tuch etwas aus den Farben zu machen. So sieht es aus. Aber mir gefiel es. Die bunten Federn der richtigen Erpel sind schließlich auch nicht nach der Ostwaldschen Farbenskala geordnet und stellen, auch keine Figuren aus dem Schullesebuch dar.

Als erstes legte ich die Ringelsocken an. Wie so was ein Bein, und sei es auch nur ein männliches, verändert! Ich war begeistert! Es erwies sich allerdings als störend, daß meine nach dem alten Schnitt hergestellte Hose so wenig von der Pracht der Ringelsocken sehen ließ. Ich hißte die Hosen also vermittels der Hosenträger auf Halbmast, was die völlig unpassende Heiterkeit der Familie erregte.

Das Hemd saß sehr gut, war mir aber am Hals etwas zu eng. Ich hatte es nehmen müssen, weil es das einzige Exemplar war. Infolge der Enge am Halls bekam ich einen roten Kopf. Um die nicht passende Halspartie zu verdecken, nahm ich eilig meine Zuflucht zu dem Schlips. Ich gebe zu, ich bin kein guter Schlipsbinder. Ich weiß, daß der große Romancier Balzac unter dem Pseudonym Baron Emile de l’Empexé ein Büchlein mit „16 Lektionen über die Kunst, Halstuch und Schlips zu binden“ herausgab, aber ich konnte des Büchleins noch nicht habhaft werden. Ich kämpfte mit dem Schlips auf meine Weise. Währenddessen bedrängten der zu scharf angezogene Hosenträger und der zu enge Hemdkragen meinen Blutkreislauf, was sich durch Farbveränderungen auf meinem Gesicht kundtat. Die um mich versammelte Sippe sprach ein Machtwort. Es war kurz und präzise und lautete: „Schluß!“

Ich weiß jetzt, warum die Herrenmode nicht farbenprächtiger wird. Alle bisherigen Untersuchungen darüber gehen in die Irre. Die Wahrheit ist: die Frauen wollen es nicht. Denn sie wollen die Erpelhaftigkeit nur für den Hausgebrauch. Der Pyjama zu Hause darf bunt sein; aber nur er, und er auch nur zu Hause.