Dalph Richardson ist in England einer derangesehensten Bühnenkünstler, ein Charakterdarsteller und Humorist mit reichen Mitteln, die er ganz diskret einsetzt. Ein Schauspieler für Shakespeare und Graham Greene und gewiß auch für Tolstoj. Vivian Leigh, die schöne und sensible Partnerin Laurence Oliviers auf der Bühne, hat ein überaus „photogenes“ Gesicht, sie ist anmutig, klug und ein wenig verschlossen. Es konnte Alexander Korda schon locken, mit ihr (und Richardson) einen neuen „Anna Karenina“-Film herzustellen. Der größten Schwierigkeit, sich damit gegenüber den früheren Garbo-Filmen (den stummen und den sprechenden) zu behaupten, begegnete er großzügig, indem er dem feinfühligsten aller heutigen Filmautoren, Jean Anouilh, das Drehbuch und dem temperamentvollsten aller Regisseure, Julien Duvivier, die künstlerische Gesamtleitung gab. Woran liegt es, daß das Ergebnis dennoch seltsam spröde und akademisch ausgefallen ist? Alle zeigen, daß sie ungewöhnlich viel können; aber sie zeigen nicht, was Tolstoj mit seiner epischen Dichtung im Sinne hatte. Anouilh hat die Familientragödie im Hause Karenin untadelig nachgestrichelt, aber die Gegengestalt, den über sich hinaus wachsenden Lewin, getilgt. Duvivier hat Bilder bald von Räuberischer Schärfe, bald von Renoirscher Weichheit komponiert, als spiele die „Handlung nicht in Petersburg und Moskau, sondern im Paris des zweiten Kaiserreichs. Vivian Leigh ist so sehr ohne die Gefährlichkeit der Garbo, daß sie wie eine Madame Bovary aus Adelskreisen wirkt – das beklagenswerte Opfer einer prüden Umgebung und eines herzlosen Mannes. Nur dieser – eben Ralph Richardson – kommt streberisch, weichlich und schnöde dem Urbild erschreckend nah, C. E. L.

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Es wäre unfair, einem Film, von dem bereits vor seiner Erstaufführung in Deutschland Kopien ins Ausland verkauft wurden, Schlechtes nachzusagen. Ebenso unfair aber wäre es, darum zu loben, wo nichts zu loben ist. Zum geschäftlichen Erfolg (fünfzig Theater zeigten gleichzeitig Gabriela zum erstenmal) der Reil-Film und Zarah Leander herzlichen Glückwunsch –: soweit ist das come back der immer noch tizianroten Schwedin geglückt. Das künstlerische Rezept jedoch hat seine Mängel gezeigt. Nimmt man aus den alten Leander-Filmen jeweils ein paar Gramm und kocht daraus einen neuen, dann kann dieser nur schmackhaft werden, wenn die Zutaten richtig gemischt sind. Und gerade das wurde leider versäumt. Weniger gefühlvoller Kitsch und erheblich mehr freche Baratmosphäre hätten Zarah Leander besser gestanden. Sie bewies es, als sie zu zwar üblichen Überblendungen das neueste Chanson Michael Jarys sang und für wenige Sekunden mit Zigarette und aufreizendem Gesicht in Großaufnahme zu sehen war. Das war in Stimme und Ausdruck die gefeierte Zarah von einst.

Im Gefolge der durch Ehe und Liebe leidgeprüften, Gabriela fiel Grethe Weiser als selbstlose Freundin nicht nur darum auf, weil sie die dankbare Aufgabe hatte, immer im rechten Augenblick die Tränendrüsen an ihrer Tätigkeit zu hindern, sondern weil sie wirklich eine gute Schauspielerin ist. Was Geza von Cziffra am Drehbuch versäumte, hat er bei der Regie nachgeholt: Es ist ihm gelungen, aus der zu Herzen gehenden Geschichte einer Mutter, die um die Liebe ihrer Tochter ringt (eine undankbare aber mit Talent gelöste Aufgabe für die junge Vera Molnar), einen wohl anspruchslosen aber tragbaren Unterhaltungsfilm zu machen. schl.