Dreiundzwanzig Jahre Kampf um die Macht – Mao herrscht und erzieht – Agrarreformer oder Kommunist?

Von Günther. Steffen

Als 1943 die ersten englischen und amerikanischen Berichterstatter den cordon sanitaire, den Tschiang Kai Schek um das kommunistische Grenzgebiet von Yenan gelegt hatte, durchbrachen, um Mao Tse Tung, den „chinesischen Lenin“, wie er mißverständlich genannt wurde, in seinem Hauptquartier zu besuchen, erlebten sie ein seltsames Schauspiel. Sie erblickten einen mittelgroßen, schwarzhaarigen, unrasiert und aufgeschwemmt wirkenden Mann in der lößfarbenen Uniform des einfachen chinesischen Soldaten, der de vor einem kleinen Hügel empfing, in den er seine in zwei oder drei kleine Räume aufgeteilte Höhle getrieben hatte. Links und rechts sah man in kurzen Abständen weitere Erdhöhlen, die von Bauernfamilien bewohnt waren. Kinder spielten am Weg, Bauernfrauen zogen vorbei, die von der Anwesenheit des roten Patriarchen und seiner Besucher kaum Notiz zu nehmen schienen.

Mao Tse Tung lächelte höflich, rauchte ununterbrochen seinen selbstgezogenen Tabak, entschuldigte sich wegen des pestilenzartigen Geruchs, fing mit geschickten Händen ein paar vorwitzige Läuse, strich seiner jüngsten Tochter liebevoll übers Haar und rief Lan Ping herbei, die vierte seiner verschiedenen Frauen, eine Schauspielerin aus Schanghai, die den Journalisten Kuchen und Erfrischungen reichte. Dann redete er weitschweifig in seinem etwas singenden Englisch über Themen der marxistischen Philosophie, kam schließlich auf seine Bauern und die Vorzüge der Agrarreform zu sprechen und schloß mit einem kräftigen Bonmot über den Wert der Jauche im Vergleich zu allen nutzlosen Dogmen und Theorien.

Dreiundzwanzig Jahre hat dieser Mann einen zähen und geduldigen Kampf um die Macht geführt. Als es Tschiang Kai Schek 1934 gelungen war, die Überreste der kommunistischen Armeen im Südwesten des Landes zusammenzutreiben, schien Maos Schicksal besiegelt. Da versuchte er mit seinem fähigsten General, Schu Teh, einen verzweifelten Durchbruch, aus dem eine der kühnsten Rückzugsbewegungen der Geschichte wurde: „Der lange Marsch.“ Die kommunistischen Armeen in Stärke von annähernd 100 000 Mann zogen über Yünan nach Nordwesten in Richtung auf Yenan. Sie. überschritten achtzehn Gebirgsketten und vierundzwanzig Flußläufe and durchbrachen die Einschließungsringe von zehn nationalchinesischen Armeen. Ihre tägliche Marschleistung betrug 35 Kilometer, ihr Gesamtweg fast 10 000 Kilometer. In Yenan, wo er Zuflucht fand, machte sich Mao in aller Stille daran, die zerlumpten und verwahrlosten kommunistischen Banden zu einer streng diszipliniertenElitetruppe umzuformen. Er stellte einen Acht – Punkte-„Knigge“ für das Verhalten gegenüber den Bauern auf, der in der Geschichte der professionellen chinesischen Bürgerkriegssoldateska etwas völlig Neues war:

„Schließt die Türen, wenn Ihr ein Haus verlaßt. Lüftet und ordnet das Stroh, auf dem Ihr geschlafen habt. Seid höflich und hilfsbereit zu den Bewohnern. Bringt zurück, was Ihr Euch ausgeliehen habt. Ersetzt, was von Euch geschädigt wurde. Benehmt Euch anständig, wenn Ihr mit denBauern Handel treibt. Bezahlt, was Ihr kauft. Stellt Eure Latrinen nicht in der Nähe der Wohnungen auf!“ Mit diesen simplen Regeln, die er brutal und rücksichtslos durchexerzierte, legte Mao den Grundstein zu seinem Bauernstaat.

Ideologische Vetternschaft