Soeben ist der fünfte Teilband des großen Bilderatlas „Die alte deutsche Stadt“ (Hiersemann Verlags GmbH., Stuttgart), eine Sammlung von Städteansichten bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges von Friedrich Bachmann erschienen. Er umfaßt die Gebiete Braunschweig, Harz, Anhalt, Provinz Sachsen. Diesem fünften Teilband, der nach einer durch die Zeitverhältnisse bedingten fünfjährigen Pause erscheint, waren die Bände Nordwestdeutschland (Hamburg, Bremen, Hannover), Rheinland – Westfalen, Bayern, Alpen- und Donauländer und vor allem das große Tabellenwerk über die alten Städtebilder bis etwa zum Ende des Dreißigjährigen Krieges vorausgegangen. Der Herausgeber Friedrich Bachmann hat das Erscheinen dieses fünften Bandes, dem noch weitere folgen sollen, nicht mehr erlebt, wenn er ihn auch noch bis in alle Einzelheiten vorbereitet hat. Er ist am 17. Februar 1947 gestorben. Vor einigen Wochen wäre er neunzig Jahre alt geworden.

Auf dem meist vollgepackten, aber doch peinlich ordentlichen Schreibtisch meines Vaters stand ein großer schwarzer Pappkasten, der in steilen Antiquabuchstaben die Aufschrift „Matthaeus Merian“ trug. Da dieser Schreibtisch in einem mecklenburgischen Landpfarrhaus stand und auf ihm zur Linken stets eine aufgeschlagene alte Bibel lag, war es nur zu natürlich für uns Kinder, diesen Namen mit der Heiligen Schrift in Verbindung zu bringen. Matthäus? Nun, das war ja der Verfasser des Matthäus-Evangeliums, von dem wir ja schon manches gehört hatten. Erst viel später sind wir dahintergekommen, daß dieser Kasten nichts mit dem Pfarrerberuf meines Vaters und der Name nichts mit dem Evangelisten zu tun hatte. Daß es sich vielmehr um den bedeutendsten deutschen Kupferstecher des siebzehnten Jahrhunderts handelte, und daß die Regale, Kästen und Schränke, die zusammen mit einer stattlichen Bibliothek das „Studierzimmer“ und die große Konfirmandenstube füllten, die Werke dieses und manches anderen Kupferstechers bargen.

Mein Vater war, wie gesagt, Pastor. Ein Pastor, der Sonntag um Sonntag auf der schlichten Kanzel der Dorfkirche stand, bei Wind und Wetter über Land ging, um Krankenbesuche zu machen oder Advents- oder Passionsandachten zu halten, und sich auch der wirtschaftlichen und sozialen Nöte seiner Gemeinde annahm. Überall im Lande gründete er um die Jahrhundertwende die Raiffeisenschen Spar- und Darlehnskassen, veranlaßte dadurch die Bauern, ihr Geld nicht im Strumpf zu verwahren, sondern es arbeiten zu lassen, ermöglichte ihnen durch dieses ländliche Genossenschaftswesen den besten Absatz ihres Korns und ihrer Kartoffeln und den preiswertesten Bezug von Saatgut und Düngemitteln. Wie es sich für einen Landpfarrer gehört, kümmerte er sich obendrein um Hof und Garten.

Doch war das alles nur die eine Seite seines Lebens. Die andere gehörte seinem großen Sammelwerk. Mit Briefmarken hatte es angefangen. Aus den Briefmarken waren dann Bücher und Bilder geworden. Schon als junger Pfarramtskandidat nannte er eine große Bibliothek sein Eigen, die vor allem Mecklemburgica umfaßte. Als erste größere Frucht seiner wissenschaftlichen Arbeit legte er der Öffentlichkeit ein umfangreiches Werk über die landeskundliche Literatur beider Großherzogtümer Mecklenburg vor. Bald aber griff er über Mecklenburg hinaus. Ein kleines ererbtes Vermögen machte es ihm möglich, eine beträchtliche Bildersammlung zusammenzutragen. Er kannte alle bedeutenden Antiquariate Deutschlands, Österreichs, der Schweiz. (Damals war das Sammeln weniger ein Geschäft als eine Liebhaberei, der gegenüber sich Kunsthändel und Antiquariat als wichtige Mittler zur Wissenschaft hin ansahen.) Er kannte aber auch die großen Bibliotheken des In- und Auslandes. Einen Teil seines sommerlichen Urlaubs verbrachte er Jahr für Jahr in den stillen Lesesälen der Museen, Bibliotheken und Kupferstichkabinette. In Berlin und Basel, in Paris und in Wien; im Germanischen Museum in Nürnberg, in Köln, in Frankfurt und in ungezählten anderen Städten schlug er sein Quartier auf, und die Frucht dieser, aus beruflichen Gründen ja immer auf wenige Wochen zusammengedrängten Arbeit trug er dann in das ländliche Pfarrhaus, um sie im Winter zu sichten und zu ordnen. Er korrespondierte mit vielen bedeutenden Gelehrten und wissenschaftlichen Vereinen, fehlte jahrzehntelang auf keiner Tagung des Hansischen Geschichtsvereins und fand trotz alledem immer noch Zeit, wenigstens ein paar Tage seines Urlaubs in den Alpen zu verbringen, in denen er manchen selten bestiegenen Gipfel erklettert hat.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verdichtete sich die Arbeit auf ganz bestimmte Gebiete. Die alten deutschen Kupferstecher und das alte deutsche Städtebild sind es gewesen, denen er sich im besonderen Maße zuwandte. Schedel und Münster, Meißner und Braun-Hogenberg und eben Matthäus Merian kannte er wie kaum ein anderer Gelehrter in Deutschland. Und in rundvierzig Jahren hatte er die umfangreichste Merian-Sammlung zusammengetragen, die es wohl überhaupt gegeben hat.

Viele kleine Früchte sind auch bei dieser emsigen Forscher- und Sammlerarbeit abgefallen. Da entstand ein Werk über die älteren mecklenburgischen Städteansichten, dann wieder eine Arbeit über die ältesten Ansichten von Stade. Auch der Geschichte seiner Vaterstadt Rostock spürte er nach. Und als er mit 70 Jahren in den Ruhestand trat – das heißt: seine pfarramtliche Tätigkeit aufgab und in die Stadt zog –, begann sich seine wissenschaftliche Arbeit erst recht zu entfalten. In diesen Jahren entstand sein großes Tabellenwerk, jener zuverlässige Nachweis für alle alten Städteansichten, mit dem umfangreichen biographischen Teil über die bedeutendsten Graphiker des alten Städtebildes. Und es entstanden, gleichsam als Illustration zu diesem Tabellenwerk, die ersten Teile jenes großen Bilderatlas über die alte deutsche Stadt, dessen fünfter Band nun, drei Jahre nach seinem Tode, erschienen ist.

Ein ganz unromantisches, nüchternes, unreflektiertes Gelehrtenleben. Noch mit 84 Jahren, 1944, als schon der Bombenkrieg das Reisen erschwerte, ist er nach Prag und nach Wien, nach Graz und nach München gefahren, um seiner Arbeit, seinem Werk zu dienen. Erst der kalte Februar des Jahres 1947 hat ihm für immer die Feder aus der Hand genommen.