Von Günther Steffen

Wer ist Monsieur Lepage? Rein äußerlich betrachtet, eine romanhafte Gestalt, der imaginäre Gesprächspartner eines Dichters, des Franzosen Marcel Aymé, der ihn uns in seinem kürzlich erschienenen Buch Le Confort intellectuel vorführt. Aber Monsieur Lepage ist natürlich auch ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein Bourgeois mit einem ausgeprägten Standesbewußtsein, ein Skeptiker und Kartesianer, dem man nichts vormachen kann und der von der Poeterei im allgemeinen und den heutigen Poeten im besonderen nicht gerade viel hält.

Les Poètes... Monsieur Lepage lächelt mitleidig. Sein Vater pflegte zu sagen: „Die Poesie ist gut für die Armen.“ Aber die Reichen sind zuweilen unersättlich; sie wollen auch noch den Schauder des Armen genießen – ein Luxus, der sie teuer zu stehen kommt. „Im Prinzip“, erklärt Monsieur Lepage, „bin ich gegen die Poesie. Hat man nicht von der Geschichte gesagt, daß sie wie eine Galeerenkette ist, die die Menschheit hinter sich herschleift? Nun, die Ketten der Poesie wiegen schwerer. Was verdankt der französische Chauvinismus nicht alles Béranger, Victor. Hugo, Déroulède!“

Die verrufenen Poeten, Baudelaire an der Spitze, haben erst die Sentiments des Vorstadtpöbels salonfähig gemacht. Wählen wir ein Beispiel: Marx. Hätte Marx, so fragt sich Monsieur Lepage, das Bürgertum jemals auf rationalem Wege überzeugen können, daß es Selbstmord begehen müsse? Aber ein dunkelsinniges Gedicht, eine gewagte Metapher, ein schöner träumerischer Vers, eine verwirrende Harmonie, das Geheimnis eines mystischen und vieldeutigen Wortes haben die Wirkung eines alkoholischen Getränks; sie verführen zu gefährlichen Fühl- und Denkweisen und verleiten die Bürger dazu, sich mit der Idee der Revolution und den Rudimenten ihres Vokabulars vertraut zu machen.

Die Bürger – was versteht man eigentlich darunter? Flaubert, der als ein seriöser Schriftsteller gilt, definierte den Bürger als den Antipoeten.

„Soll man sich also wundern“, beklagt sich Monsieur Lepage, „daß die einfältigsten Kretins, wenn sie nur die lange Pfeife rauchten und einen schwarzen Sombrero auf dem Kopfe trugen, sich den Leuten mit einer Melone turmhoch überlegen dünkten?“ Die Klassenkampfära gab dem Wort die letzte bösartige Nuance, so daß wir heute, wenn wir nur annähernd verstehen wollen, was damit gemeint ist, erst einmal den, der es ausspricht, auf seine wirtschaftlichen Verhältnisse, seine politische Meinung, seinen Kunstgeschmack hin durchleuchten müssen...

Monsieur Lepage schlägt sich anklagend auf die Brust. Mea Culpa. Auch die Bürger sind schuld; die romantische Phrase, die großartigen sonoren Worte wie „enorm“, „hinreißend“, „phantastisch“, „unwahrscheinlich“, die genau so gut auf ein Meisterwerk wie auf einen Betrunkenen passen, der sich in die Gosse erbricht, die ganze vage und gedankenlose Rhetorik der Literaturverkäufer hat den Verstand des Bürgertums umnebelt und ihm den Blick für die Wirklichkeit genommen. Was sind Worte wie „Masse“, „Proletariat“, „Diktatur des Volkes“ für den Bürger von heute? Lyrismen, Poesie, Ästhetik. Ein „Prolet“ ist in den Augen des Bourgeois eine allegorische Figur, ein von Schweiß, Blut und Tränen triefender Vulcanüs, der sich in das Inferno der Fabriken begibt, um der Literatur einen neuen und enormen Kitzel zu verschaffen.