Von Karl-Willy Beer

Berlin, Anfang April

Es gibt keine Inseln mehr“: das hat triumphierend einer vor Jahren gesagt. Das scheint lange her, denn es gibt wieder Inseln; zumindest der Berliner hat seit damals eine sehr gegenwärtige Form des Inseldaseins kennenlernen müssen. Er hat sogar erfahren, daß nicht einmal Wasser notwendig ist, eine Stadt oder ein Land von der Umwelt abzuschneiden. Wenn er freilich heute den Sprung von seiner modernen Insel, auf die klassische Insel Großbritannien tut, dann bemerkt er den Unterschied. Die britische Insel wurde nie von außen blockiert. Wohl aber hat sie die Möglichkeit, sich selber abzuschließen.

Der größte europäische Hafen drängt sich mit Docks und Speichern, mit dem ölig-brenzligen Geruch von Fässern, Ballen und Kisten, aber auch mit dem imponierenden Panorama der Greenwiefier Marine-Akademie tief in das Herz Londons, und an den Ufern der Themse ist die blaue Uniform, die zivile, noch immer das den Engländern gemäßeste Kostüm, so wie zwischen Temple Bar, dem Gerichtsbezirk, und der Bankengegend bis Bond Street der schwarze Anzug mit dem Regenschirm und dem Eden-Hut auch von den Labour-Leuten nicht als das Dekor der weltbeherrschenden, britischen Geschäftswelt in Frage gestellt worden ist. Und wenn der Sonntag mit dem volltönigen Glockengeläut des puritanischen Landes über London aufgeht, sitzen genau so viele Labour- Minister wie Konservative in St. Paul oder in Westminster Abbey und in den hundert anderen schmucklosen, aber mit historisch – britischen Monumenten gespickten Gotteshäusern der Church of England.

Doch das Wasser der großen Insel umspült wahrlich keine Idylle. Die Fabriken der Insel arbeiten. Viele von ihnen, wie die unterirdischen Zweckhallen bei Liverpool, schalten um auf neue Fabrikationen, auf Industriezweige, deren Produktion zum wenigsten für die bestimmt sind, die auf der Insel leben als vielmehr für die, zu dienen man nur mit den eigenen und den vielen Schiffen der anderen gelangt. Export und Schiffsbau: Englands gesamte Nachkriegswirtschaft basiert auf diesen beiden Faktoren. Sie haben die Fabriken mit Menschen gefüllt und die Straßen der Insel von den Arbeitslosen und Demobilisierten geleert. Das Ziel der Vollbeschäftigung, seit Jahren zum ersten Male erreicht, bleibt die vorderste wirtschaftliche Planmarke der Engländer.

Einerlei, ob man die Prograimmfreudigkeit in den Ministerien und Ämtern „Sozialismus“ nennen will oder „Planwirtschaft“, ob man in ihr nach dem Beispiel der konservativen Anklage Sünde wider den englischen Geist, Vergewaltigung des Menschen durch die Kontrolle zum Plan-Objekt, sehen will: das Land ist überzogen von de planvollen Einsicht, daß diese Jahre Einschränkungen, Sparsamkeit, Lenkung der vorhandenen Lebensmittel und Gebrauchsgüter brauchen. Der Name des christlichen Moralisten Cripps, dem von der Steuer bis zur Bonbon-Ration die Diktatur über den Alltag des Engländers seit Jahren überantwortet ist, steht zornumwittert aber nicht weniger respektheischend über allen Gesprächen an den wie je mit Aufwand gedeckten, aber karg belegten Tischen der großen Hotels, über den spärlich gluckernden Bierhähnen und den fast ganz versickerten Whisky flaschen in den Pubs, den Gaststätten der Arbeitervorstädte und den Bars der Cities.

Die 7000 Studenten von Cambridge vollends oder die 5000 von Oxford sind am dieser Veränderung der inneren Struktur Englands bewußt beteiligt. Nicht so freilich, daß das Heranrücken der arbeitenden Schichten an die Mittelklassen das Gefüge der Colleges, ihr jahrhunderteschweres System der Persönlichkeitsbildung und Entfaltung umgeleitet oder gar zerbrochen hätte – wohl aber so, daß in die gleichen pädagogischen Privilegien dieser einzigartigen Universitäten heute fast 80 v. H. der Studierenden über den Weg privater und öffentlicher Stipendien einziehen. In den klösterlichen Studentenbuden dieser Colleges gehört es aber heute wie gestern zu den ungeschriebenen Gesetzen, nicht nach dem Rang und Herkommen der Studierenden zu fragen.