Nach den griechischen Parlamentswahlen, die eine fühlbare Verschiebung des Gewichts von der Rechten zur Mitte brachten, hatte man erwartet, daß die geschlagene Volkspartei von Tsaldaris, die die Mehrheit verloren hat, wenn sie auch noch die stärkste Partei ist, in die Opposition gehen und daß sich die Regierung aus den drei Mittelgruppen, den Liberalen von Venizelos (56 Sitze), der Union der Mitte des Generals Plastiras (45) und den demokratischen Sozialisten von Papandreou (35) zusammensetzen werde. Ein diesbezüglicher Pakt war zwischen diesen drei Gruppen zustande gekommen.. Als aber Venizelos vom König mit der Kabinettsbildung beauftragt wurde, formierte er nicht eine Koalitionsregierung, sondern ein liberales Minderheitskabinett, dem die rechtsstehende Volkspartei (62) und einige kleinere Rechtsgruppen Toleranz zusagten. Es sieht daher so aus, als ob an Stelle einer stärker nach links tendierenden Politik, die vielleicht einige republikanische Neigung gehabt – hätte, der alte Kurs aus der Bürgerkriegszeit fortgesetzt werden sollte.

Dies scheint jedoch den amerikanischen Absichten nicht zu entsprechen. Vor einigen Tagen schrieb der amerikanische Botschafter in Athen, Grady, einen Brief an den Ministerpräsidenten Venizelos, worin mit deutlichem Hinweis auf die Abhängigkeit Griechenlands von der amerikanischen Finanzhilfe eine Erweiterung der Regierungsbasis, das heißt zweifellos eine Aufnahme der ursprünglich vorgesehenen Koalitionspartner in die Regierung empfohlen wurde. Amerikanische Zeitungen, die diesen ungewöhnlichen Schritt zu deuten versuchen, sind der Meinung, daß er durch außenpolitische Erwägungen veranlaßt wurde. Angeblich beabsichtigt das State Department, zur Stabilisierung der Situation auf dem Balkan eine Annäherung zwischen Athen und Belgrad herbeizuführen, die aber nur möglich wäre, wenn man die Wünsche Titos berücksichtigte, der sich Ende März dahin geäußert hat, daß „die Beziehungen zu Griechenland verbessert werden könnten, wenn in Griechenland ein demokratischeres Regime errichtet werden würde“. Es scheint, daß die Amerikaner dies so auffassen, daß eine Koalitionsregierung Plastiras nach Auffassung Titos die Qualifikation für die gewünschte Entwicklung habe.

Venizelos hat den Brief des Botschafters Grady zurückgewiesen und will sich mit seiner Regierung dem Parlament zur Abstimmung stellen. Er scheint von der Überlegung auszugehen, daß, bei aller Zweckmäßigkeit einer Annäherung an Belgrad. Tito nicht der geeignete Mann sei, darüber Vorschriften zu erlassen, was demokratisch ist oder nicht; immerhin wird jener Platz, den in Athen das Parlament inne hat, in Belgrad von der Polizei eingenommen. H. A.