H. M. W. Wien, im April

Noch immer läuft Graham Greenes „Der dritte Mann“ in Österreich vor vollen Kinos. Ein Erfolg, der um so erstaunlicher ist, als Filme, die von Ausländern über eine bestimmte Stadt oder ein bestimmtes Land gedreht werden, daselbst häufig abgelehnt werden. Hier aber strömen die Menschen, von dem hintergründigen Zitherspiel der untermalenden Musik wie betäubt aus den Kinos, um sich am nächsten oder übernächsten Tag wieder um Karten anzustellen.

Wie reagiert nun der durchschnittliche Wiener auf eine so mitleidslose Darstellung der Jahre 1945 und 1946, der schlimmsten Zeit, die die Donaustadt seit 1683 erlebt hat? Zunächst hat der Film die verblüffende Wirkung, daß die Erlebnisse aus der Zeit des Hungers, der Unsicherheit und der absoluten Herrschaft der alliierten Militärpolizei Wirklichkeitscharakter erhalten. Bisher waren sie noch immer so etwas wie böse Angstträume; die Erlebnisse jener kurzen, schrecklichen Phase lagern ja in mächtigen Schichten gänzlich anderer Erinnerungen, sie sind atypisch, unglaubwürdig. Die fremde Zeugenaussage, der die eindrucksvollsten filmischen Mittel zur Verfügung standen, wirkt daher wie eine wichtige Bestätigung. „Ja, so war es ... genau so“ hört man immer wieder sagen, und in diesem Augenblick scheinen die Ereignisse erst in die Vergangenheit zu sinken. Denn die bösen Träume waren ja nie ganz ausgeträumt, es war eine kindliche Täuschung, wenn man sagte: „Ich will mich an all das gar nicht erinnern.“ Die Reminiszenz war doch ein Teil des „Ich“, bedurfte also keinesfalls einer Ermunterung durch den Willen.

Aber wie kann es sein, daß Ausländer das Wiener Milieu so treffen konnten? wird man fragen. Mußte nicht da und dort ein Fehler unterlaufen, der die Authentizität der Darstellung in Frage stellt? Die Wahrheit ist, daß der Film wirklich eine Reihe solcher Fehler aufweist, die aber die Glaubwürdigkeit nicht herabsetzen. Denn es ist das fremdgewordene Wien der fremden Soldaten und fremden Verbrecher, die sich in dieser Stadt bekämpfen. Da spielt es keine Rolle, daß die Menschenjagd im Belvedere beginnt, über die Treppe von „Maria am Gestade“ hinuntersaust, dann in den „Hof“ einbiegt; spielt keine Rolle, daß das Café „Mozart“ der Kapuzinergruft gegenüberliegt – geographische Unmöglichkeiten, aber Unmöglichkeiten einer ohnedies unmöglichen Welt, in der man sich über nichts mehr wundert. Nur in dem Wien der Österreicher, dem Wien der Wiener wäre solches unzulässig; aber der einzige Einheimische (von Hörbiger gespielt) wird ja bezeichnenderweise bald erledigt; dann ist man unter sich.

An diesem Film aber ist die noch immer verbreitete Illusion zerbrochen, daß es nur etwas Mühe, etwas weggeräumten Schuttes und etwas mehr Geldes und etwas weniger Besatzung bedürfte, um die selig-sinnliche Atmosphäre von Heurigem, Riesenrad und Dreimäderlhaus wiedererstehen zu lassen. War es schade um sie? Vielleicht. Aber es ist doch immerhin ein bedeutsamer Tag, an dem einem früher reichen Mann zum erstenmal gesagt wird, es hätte keinen Sinn, mit großer Geste sehr kleine Trinkgelder zu geben; oder einer jung gewesenen Frau, daß gedämpftere Farben ihr nun besser anstünden.