Eine unehrerbietige Betrachtung

In einer Fachzeitschrift stand unlängst zu lesen: „Die Ehre des deutschen Jägers erfordert es .. Ach, wie freudig hebt sich da die Brust! Die unter zusammengemischten Häusern und angetrümmerten. Begriffen aller Art begrabene Gruppen-, Kasten- und Cliquenehre ist wieder da! Die zerrissenen Gummibänder gegenstandslos gewordener Traditionen werden wieder verknüpft. Es kann wieder losgehen.

Durch welches Dickicht von Ehrbegriffen mußte sich ein junger Mann, der etwas werden wollte, in der Zeit vor dem ersten Weltkriege hindurcharbeiten, wenn er Anspruch auf Beachtung erhob. Die Ehre des Offizierskorps berührte sich zwar in einigen Punkten mit der des Akademikers; sie wies aber auch grundlegende Unterschiede auf, die man wissen mußte. Die Ehre des Korpsstudenten war um einiges kitzliger als die des Burschenschafters, für den seinerseits die Ehre des Landsmannschafters oder eines nichtschlagenden Studenten höchstens noch ein Ehrchen war. Die Ehre des Hochadels tendierte nach betonter Schlichtheit, die des niederen Adels nach schlichtbetonter Arroganz. Unnötig zu versichern, daß die Keglerehre eine andere war als die der Lokomotivführer. Selbst die Sozialdemokraten, die Wilhelm II. ehrlose Gesellen genannt hatte, entwickelten daraus eine rebellische Ehre, die sich in Rosetten und kämpferischen Fahnen zur Schau trug. Wir waren eine ungemein ehrenreiche, jedoch in der Durchfechtung unserer Ansprüche (auch der berechtigten) nicht unbedingt ehrliche Nation.

Wie bescheiden aber nahm sich dieses Ehrenbäumchen, das seit den Freiheitskriegen etwa hundert Jahre Zeit für sein Wachstum gehabt hatte, gegen die tausendjährige Ehreneiche aus, die Hitler in wenigen Jahren aus der ermüdeten deutschen Erde zog! Die Ehren verhundertfachten sich. Die Hitlerjugend hatte eine andere als die SA, und die der SA war der der SS so entgegengesetzt, daß ihre Träger sich gegenseitig die Backenzähne ausschlugen. Der Luftschutzwart trug eine andere Ehre im Knopfloch als der Blockleiter. Während es die Ehre des Volkes schlechthin erforderte, willig und für jeden Zweck zu sterben, hielten es seine „Hoheitsträger“ für ihre besondere Ehre, solange am Leben zu bleiben, bis ihr Ehrenkapital völlig aufgebraucht war.

In dieser Zeit wurden andererseits auch eine Menge Ehren außer Kurs gesetzt. So zum Beispiel die demokratischen der Zwischenzeit, die es ohnedies zu keiner rechten Blüte gebracht hatten. Sie zogen sich ehrenvoll in die Illegalität zurück, sie sterilisierten sich, um später, nachdem der tausendjährige Ehrenrauschebaum zerspellt war, ein wenig schattenbleich aber dennoch aus den Ruinen hervorzusprießen. So gab es Persönlichkeiten, die von der Ehre sprachen, im KZ für ihre Überzeugung gelitten zu haben. Also auch sie, die doch das Menschliche und das Unmenschliche bis in die letzten Tiefen erfahren mußten, kamen von der Selbstglorifizierung, an der wir wie an einer Krankheit leiden, nicht los.

Unnötig zu bemerken, daß es unter diesen Märtyrern der Freiheit auch viele gab, die allen Plunder von Selbstverklärung, Kastengeist und Kastenehre von sich taten und – im schrecklichen Feuer der Verzweiflung geläutert – als etwas aus der Hölle hervorgingen, das unter ans so erstaunlich selten ist: als Menschen ohne Vorurteil und von jedem Dünkel der Einzigartigkeit befreit.

Aber nun fangen die Jäger wieder an! Auch auf den getarnten Paukböden getarnter Verbindungen schleicht es wieder einher, das neue, alte, verschlissene Ehrengespenst. Es gründet Bruderschaften und Kampfbünde, die so unschuldig-ungeduldig tun wie Säuglinge im Kinderhort, die ihr Breichen erwarten. Sie ehren sich untereinander – ranggemäß natürlich – und sprechen anderen die Ehre ab. Sie ehren sich mit Titeln, die es nicht mehr gibt, mit Taten, die besser ungetan geblieben wären, und häufen Vorschußlorbeeren für neue Taten auf ihre Häupter, die uns, in Wirklichkeit umgerechnet, nicht nur den Rest von Ehre, sondern auch den Rest von Leben rauben würden.