Mit einer Erholungsreise durch Italien beginnt für die österreichische Gräfin Schaffgotsch eine Flucht vor dem Naziregime, die sieben Jahre lang bis zum Zusammenbruch von 1945 dauert. Sie führt von Italien auf den Balkan und von dort wieder nach Italien zurück, in deutsche und italienische Kriegslazarette, mitten unter die Verfolger. Für sie wird die Emigrantin zur Krankenschwester, zu einem Menschen mit warmem Herzen, der seine Mitmenschen pflegt, ohne auf die Weltanschauungen oder die Nationalität zu achten. Dies ist eine seltene Variation eines Weges den viele Menschen gingen, die das nationalsozialistische Deutschland verlassen mußten aus mannigfachen Gründen: die einen, weil sie unter diesem Regime nicht zu leben vermochten, die anderen, weil sie einmal eine unvorsichtige Äußerung taten oder vielleicht, weil man ihnen einen „Schönheitsfehler“ in der „nordischen“ Abkunft nachwies. Die Autorin dieses Buches „Die Liebenden sind alle von einer Nation“ (Franz Ehrenwirth Verlag, München), Gräfin Hedwig Schaffgotsch, weiß, daß ihr Schicksal kein besonderes ist. Das gibt ihr Bescheidenheit und gleichzeitig eine Sicherheit in der Aussage, in der bisweilen über die Reportage hinaus Gültiges über die Einsamkeit des Menschen hindurchschimmert. Vielleicht wäre auch die Verfasserin an dieser Einsamkeit gescheitert, wäre sie nicht im innersten Herzen eine gläubige Christin. So wird ihr der eigene Leidensweg ein Weg zu Gott, in dessen Hand es gelegt ist, ob er ihn mit Steinen oder Dornen pflastert. P. H.

Viele sehr berühmte und kluge Frauenromane haben Männer Schreiben können. Wohl, weil Männer sich objektiver in die Verästelungen der Frauenseele versetzen als Frauen selbst, die alle typisch weiblichen Regungen nur durch den Filter ihrer eigenen Empfindungswelt erkennen und gelten lassen. Der Mann ist sensitiver in der Widerspiegelung aller Reaktionen fraulichen Gefühls, gerade weil er sie nicht bis ins Letzte nachempfinden kann, sondern sie zurückstrahlen läßt auf die Geschöpfe seiner Phantasie. Seine Mittel sind deshalb reicher und variabler, wenn es sich um die Charakterisierung von verschiedenen Frauengestalten handelt. Geht es dagegen um die Schilderung einer einzigen, so ist die Frau dem Manne als Darstellerin überlegen. Sie kennt die ganze Skala der ihr gegebenen Möglichkeiten, alle Register weiblichen Empfindens und kann ihre Logik des Handelns verständlich machen. Die amerikanische Schauspielerin Ilka Chase hat diese Vorteile klug genutzt und genau dort angesetzt, wo sie ihre Mittel bewußt anwenden konnte. In dem Buch, das aus dieser Erkenntnis entstand, „Zu jung, um ohne Wunsch zu sein“ (I love Miss Tilly Bean) deutsch bei Wolf gang Krüger, Hamburg, 370 S., schildert sie mit rücksichtsloser Offenheit das Schicksal einer modernen, intelligenten Frau, der Modezeichnerin Tilly Bean. Ihrer Fabulierfreude genügt jedoch diese eine Gestalt nicht, sie erfindet geschickt eine Steigerung in der rückspiegelnden Charakteristik der Mutter und der vorausschauenden, überaus genauen Zeichnung der Tochter.

Die an sich eher konventionelle Handlung (Tilly kommt als Kind aus einem Landstädtchen im Staate Ohio mit ihrer Mutter nach Perugia, wächst dort auf, erweist sich als zeichnerisch begabt, bekommt in Paris Einblick in die Haute Couture, heiratet, ohne ihren Beruf aufzugeben, und gründet schließlich in New York ein eigenes Modehaus) wird, mit vielen Episoden angereichert, nüchtern und realistisch mit einem heimlichen Verwundern über die eigenen Fähigkeiten erzählt. (Aus dem Amerikanischen übertragen von Karin von Schab.) J. S.