flammt heißt das Beschauen von Blumen; und ikebana ist die Kunst, Blumen, Zweige oder Zwergbäume so sinnvoll in einem Gefäß zusammenzustellen, daß der Betrachtende den Alltag vergißt und zurückfindet zu der Bezogenheit, in die er als Mensch gestellt ist: zwischen Himmel und Erde. Es gehört zur Ausbildung der japanischen Frauen und Mädchen, Blumen nach vorgeschriebenen alten Gesetzen ordnen zu lernen. In jedem ihrer Häuschen befindet sich im Wohnraum eine Wandnische, tokonoma genannt. Hier hängt das der Jahreszeit entsprechende Rollbild, hier stehen, immer auswechselbar, die Schätze des Hauses: Gefäße, eine Kanne, eine alte schöne Lackschale. Und hier haben die Blumen ihren Platz, deren Zweige fast das untere Ende des Rollbildes berühren. Der Japaner will sich jeden Tag, vor dieser Ecke kniend, sammeln. Er braucht das, so wie es ihn beglückt, die Papierfenster seines Holzhäuschens aufzuschieben und aus der ruhigen Leere des Raumes hinauszuschauen auf das Bild der Landschaft, das sehr lebendig wirkt in diesem Zimmer, welches fast ohne Gegenstände und Schmuck gehalten wird.

Die japanischen Mädchen haben geschickte Hände, wenn sie behutsam den Blütenzweigen die gewünschte Form geben. In einem Lackkasten liegen vor ihnen Draht, Bast, Holzstäbchen, eine Schere. Der Europäer verschenkt Sträuße, der Japaner geht sparsam und genießerisch mit der einzelnen Blüte um; jede Neigung eines Zweiges bedeutet für ihn etwas Besonderes; er erlebt den Sinn der einzelnen Pflanze und stellt sie nach langer Überlegung mit anderen Pflanzen zusammen nach den Regeln des ikebana.

Der Rokkaku-Tempel in Kyoto ist hoch gelegen und bietet einen weiten Blick über die alte Kaiserstadt hinweg bis auf den schönen, von Bergen umgebenen Biwa-See. Der dämmrige Raum des Tempelinnern nimmt eine Menge Andächtiger auf, die betrachtend vor Reihen kunstvoll zusammengestellter Blumenarrangements, hockt. Purpurne Seidenvorhänge, in der Mitte durch dicke Seidenschnüre gerafft, verhüllen den oberen Teil der Tempelwände. Es ist still in diesem Raum; die Gesichter der Japaner tragen einen gesammelten, sehr aufmerksamen Ausdruck.

Überall führt schmal und hoch ein Zweig nach oben. Die Blüten sind emporgerichtet zum Himmel. Shin nennen es die Asiaten, es bedeutet Universum, es bedeutet auch Wahrheit, Treue, Glaube. In halber Höhe des shin breitet sich nach links ein Blatt mit Blüten oder ein kräftiger Zweig auf. Alle Blätter und Blüten dieses Zweiges soë – gemeint ist der Mensch – weisen nach oben, Ästchen und Blätter, die nach unten wuchsen, sind! entfernt. Soë, der Mensch, will hinauf; er will sich den ewigen Gesetzen fügen (soëru heißt sich anschließen, als Kleineres zu einem Großen streben). Dieses soë kann eine Blütendolde sein, manchmal ist es eine einzige herrliche Kamelie, die still in ihren dunklen Blättern ruht; oft ist soë der gebogene Ast der Kirsche oder des Ahorns, der Kiefer oder des Bambus. Die tiefste Linie, die sich breit über den Rand des Gefäßes lagert, ist tat die Erde. Sie verkörpert Festigkeit, Wucht, Zusammenhalt. Die Blätter der Zweige wachsen dicht am Stamm, der breit und gerade ins Wasser führt.

Es gibt unendlich viele Variationen des ikebana. Jede Blüte und jeder Zweig, die diesen drei Hauptlinien beigefügt werden, verändern den Sinn. Die Schönheit der Gefäße ist schwer zu beschreiben. Strenge, herrliche Bronzevasen mit henkeiförmigen Griffen – sie finden sich auch in buddhistischen Tempeln zu Füßen des thronenden Götterbildes, gefüllt mit metallenen, goldschimmernden Lotosblumen – stehen neben feingeflochtenen Körben, aus deren durchsichtigem Gitterwerk man das Stück Bambus sieht, das als Wasserbehälter bevorzugt wird. Manchmal spannt sich ein hoher Henkel um diesen Korb und umgibt wie ein Rahmen das Blumengesteck. Durchbrochene dicke Bambusschäfte sieht man, Tonvasen in dunklen Farben, flache Lack- und Porzellanschalen, die auf niedrigen Tischen stehen und alte Zwergbäume enthalten, um welche Miniaturlandschaften aus Moos und kleinen Felsen angeordnet sind, Zauberhaft sehen die hängenden Körbe aus und die Boote aus Holz, die an Seidenschnüren aufgehängt werden. Zu der immer eingehaltenen Dreiteilung bilden dann Blätter die Segel, und der Japaner sieht an dem Zweig, der über den Rand nach rechts oder links niederhängt, ob das Schiff heimkehrt und ausfährt.

Der Abend sinkt herab. Die Japaner verneigen sich zum Abschied lange voreinander und sagen sich Höflichkeiten. Und dann wandern sie auf klappernden Geta in ihre Häuschen, die durch eine schützende Mauer vor den Augen anderer verborgen sind. Sie nehmen ihr Bad, das Essen steht fertig und wird auf kleinen Lacktabletts hereingetragen. Der nächste Morgen bringt mit dem Alltag die europäische Tracht und die westlichen Arbeitsmethoden. Erst nach dem Achtstundentag kommt mit dem frischgewaschenen Kimono auch die Rückkehr zu besinnlicher Stille.

Lotte Schütte-Hellstedt