Von Erika Müller

Eine „Internationale Katholische Film-Union“ wurde in Rom gegründet, um Filmen „einen neuen Geist des Ernstes und der Verantwortung zu verleihen ...“ Auf dem ersten Kongreß der Internationalen Föderation der Filmproduzenten in Cannes – an dem außer den „Film-Großmächten“ England, Frankreich, Italien und Deutschland (Amerika hatte einen Beobachter entsandt) zwölf Nationen teilnahmen – nannte der deutsche Delegierte Curt Oertel, dessen Film über Michelangelo gerade jetzt in New York mit großem Erfolg anlief, als er über die Filmselbstkontrolle in Deutschland sprach, die Filmkrise eine „Weltkrise der Traumfabrik“ ... In Paris hat der Verband der Filmkritiker die künstlerische Leitung eines Kinos übernommen, um dem im Filmwesen vorherrschenden kommerziellen Interesse das Gewicht künstlerischer Aspekte entgegenzusetzen. Die französischen Filmkritiker verfolgen das Ziel, in ihrem Kino wertvolle Filme ais allen Ländern, die nicht den Beifall der Verleiher fanden oder bei der Uraufführung ohne ausreichenden Publikumserfolg blieben, den Freunden der Filmkunst nahezubringen. Diese Gründung, kommt dem der UNESCO unterbreiteten Vorschlag der deutschen Filmregisseure Fritz Käutner und Herbert Seggelke sehr nahe: Der deutsche Vorschlag

will die Trennung von Film-Kunst und Film-Unterhaltung. Im Raum des Theaters – so heißt es in dem Entwurf Käutners – sei eine solche Trennung seit langem vollzogen: Wer Shakespeare oder Thornten Wilder erleben will, geht ins Schauspielhaus, wer sich bei einer Girltruppe amüsieren möchte, den lockt der Titel „Moulin Rouge“. Man spiele im Konzertsaal ja auch zum Programm der Werke Mozarts und Ravels keine Schlagermelodien; man hänge Pin-up-Bilder nicht ins Metropolitan – Museum. Schlager, Revuen und Buchschmöker werde es immer geben. Nur müßten diese Dinge als das zu erkennen sein, was sie sind: Tagesunterhaltung.

Diese Forderung, meint Käutner, werde vom heutigen Kino nicht erfüllt. Infolgedessen besuchten ungezählte Kunstinteressenten, die keine List hätten, Nieten-Lotterie zu spielen, nicht mehr oder noch nicht das Kino. Damit dieses Publikum endlich einmal die Gewähr erhalte, daß es beim Kinobesuch ernst genommen werde, schlägt der Entwurf die allgemeine Einführung des „Kunst-Kinos“ vor, etwa nach dem Muster der New Yorker Art-Cinemas. Da der Film jedoch auf Millionen Besucher rechnen müsse, damit die Herstellung amortisiert werde, und es innerhalb einzelner Nationen diesen Millionenkreis seriöser Interessenten nicht gäbe, müsse eine internationale Lösung gefunden werden. Es wird deshalb die Zusammenfassung des anspruchsvollen Filmpublikums von achtundvierzig UNESCO-Ländern angeregt: Das Kunst-Kino als internationale Einrichtung! Skeptiker’ haben diesen Vorschlag „einen Floh“ genannt, „der einen Elefanten angreift“. Robert Flaherty aber, der Schöpfer der berühmten dokumentarischen Spielfilme „Männer von Aran“ und Louisiana Story, der gerade durch Deutschland reist und in diesen Tagen Gast auch des Hamburger Filmklubs war, sprach sich positiv für ein gutes internationales team-work und das vorgeschlagene „Kunst-Kino“ aus.

In anderen Ländern, besonders in Frankreich und England, haben die jetzt auch in einigen Städten Deutschlands gegründeten Filmklubs, die Mittler zwischen Filmwirtschaft und Filmpublikum sein wollen, schon erheblichen Einfluß gewonnen und dort haben auch die Großen der Literatur – Jean Anouilh, Jean Paul Sartre, Graham Greene (der Drehbuchautor des „Dritten Mannes“), den Weg zum Film gefunden und dem Kino damit einen großen künstlerischen Kredit gegeben. Doch noch immer stehen dem Film, diesem wichtigen und gefährlichen Bildungsinstrument, viele Künstler fern, die ihm neue Impulse geben könnten. Sie sagen, der Film stagniere, er ist eingefroren, er errege nicht mehr die Phantasie. Abgesehen von einem guten Dutzend Bildstreifen der Weltproduktion sei der Film nicht mehr erfindungsreich. Er sei entartet, sei nicht mehr Film in dem eigentlichen Sinn des Wortes. Und man verlangt die eigene „Filmsprache“, die eigene filmische Ausdrucksweise, die einst doch Murnau und Eisenstein fanden.

„Krise der Persönlichkeiten unter den Filmherstellern“ – so lautet das Schlagwort. Und „Drohender Schatten der Manager“, womit die Verleiher gemeint sind, die durch ein Koppelsystem von sechs bis zwölf schlechten Filmen mit einem Spitzenfilm die willkürliche Programmgestaltung der Filmtheater, besonders in den kleinen Städten, in der Hand haben. „Bewährungsprobe des Filmpublikums“ – auch dieses Wort taucht neuerdings in der Diskussion um die deutsche Filmkrise auf. Doch ist nicht zuletzt der Geldmangel die hauptsächliche Ursache der Filmkrise in Deutschland, dieser Geldmangel, der durch den Währungsschnitt entstand, durch die Überschwemmung mit ausländischen Filmen verschlimmert wurde und jetzt mit Hilfe einer Ausfallbürgschaft bis zu 20 Mill. DM durch die Bundesregierung behoben werden soll. Diese Ausfallgarantie wird Kredite bis zu 40 Mill. DM durch die Banken ermöglichen. Die leerstehenden Ateliers werden in einem Augenblick belebt, da man durch eine sehr subtile Publikumsanalyse zu der Überzeugung gelangt ist, daß der Einfluß gerade des ausländischen Films auf die Lebenshaltung weiter Volkskreise nicht zu unterschätzen ist. Man fürchtet ernsthaft, daß der durch die Vorherrschaft amerikanischer Filme „amerikanisierte“ Publikumsgeschmack die deutsche Verbrauchsgüterindustrie in wesentlichen Zweigen zur Umstellung ihrer Produktion zwingen kannte: sie bliebe nicht mehr konkurrenzfähig, und der Auslandsmarkt würde die durch den ausländischen Film hervorgerufenen Wünsche zu weit billigeren Preisen befriedigen können ...

Dies ist tatsächlich einer der Gründe dafür, daß – bevor noch der neue Haushaltsplan der Bundesregierung in Kraft tritt – de Länder Filmkredite bewilligt haben. In Hamburg und Nordrhein-Westfalen hat man außerdem Prädikate für hervorragende Filme angeführt, die mit dieser Auszeichnung eine Steuerermäßigung erhalten. Und gerade dieser Entschluß zeigt, daß man erkannt hat, wie eng wirtschaftliche und geistig-kulturelle Sorgen miteinander verbunden sind. Die größten Erfolge hatten bisher die realistischen Filme voll Wirklichkeitstreue und Wahrhaftigkeit: der „Dritte Mann“ ergab höhere Kassenrapporte als alle Wildwestabenteuer und Swinglustspiele, die „Kinder der Olymp“ zogen mehr Besuchermassen an als alle Broadwayrevuen. Auch an solchen Statistiken sollte man lernen.