RKN, Wien, Anfang April

Die österreichische Außenhandelsbilanz für 1949 zeigt eine beachtliche Erhöhung des Produktionspotentials, die sich in der Zunahme der Ausfuhr von 198 Mill. (1948) auf 323 Mill. Schilling ausdrückt. Zugleich ist, wie unter dem Marshall-Plan zu erwarten, der Wert der Wareneinfuhr von 260 auf 448 Mill. und damit der Einfuhrüberschuß von 618 Mill. auf 1,25 Md. gestiegen. Bedenklich ist die Verlagerung des Schwergewichts der Exporte von lohnintensiven Halb- und Fertigwaren auf Rohstoffe; so exportiert das Land heute nur noch 56 v. H. Fertigwaren, gegenüber 75 v. H. vor dem Krieg. Schuld an dieser Entwicklung trägt nicht nur die Absperrung der meisten österreichischen Abnehmerländer gerade gegenüber den lohnintensiven Waren, unter denen so viele non-essentials (Wiener Galanterie-, Leder- und Kunstgewerbewaren) sind. Die mangelnde Absatzfähigkeit lohnintensiver Erzeugnisse liegt auch in der mangelnden Produktivität der österreichischen Arbeit begründet; diese hat erst 79 v. H. des Vorkriegsstandes erreicht. Während der Reallohn der niedrigste im ganzen Westen ist, ist der Lohnanteil je Wareneinheit mit am höchsten. Dies führt zu der Kluft zwischen Lohn und Preis im Inland, also zu dem niedrigen Lebensstandard breitester Schichten, und anderseits zu der mangelnden preislichen Konkurrenzfähigkeit österreichischer Waren im Ausland.

Diese Situation hat nun die Regierung dazu bewogen, ein „Produktivitätszentrum“ zu gründen, das eine neue Form staatlicher Wirtschaftsberatung ist. Diese Stelle, die als „Gemeinnütziger Verein“ gegründet ist, soll die Arbeitsintensität einzelner Betriebe prüfen und diese, wo nötig, beraten, ihnen also jede Art von Technical assistance“ geben. Da heute in Österreich die Produktivitätserhöhung zum wesentlichen Teil von der richtigen Kreditpolitik abhängt, wird diese Stelle gleichzeitig die für Kreditgewährung maßgebenden Instanzen nach dem Grundsatz „Kredit, wem Kredit gebührt“, zu beraten haben.

An der Spitze der Lieferanten Österreichs stand Deutschland mit 731 Mill.Schilling gegen 466 Mill. 1948. Eine Aufteilung dieser Zahlen auf West- und Ostdeutschland ist darum unmöglich, weil erst seit Januar getrennte Statistiken geführt werden. Als Abnehmer steht Deutschland mit 250 Mill. (gegen 114 i V.) nach Italien an zweiter Stelle. – Analysiert man die deutschen Exporte nach Österreich, dann fällt es auf, daß zwar wertmäßig die deutsche Ausfuhr binnen Jahresfrist um rund 60 v. H. zugenommen hat, mengenmäßig aber nur um etwa 10 v. H. gestiegen ist. Diese ist die Folge der für Deutschland erfreulichen Vermehrung seiner lohnintensiven und höherwertigen Fertigwarenexporte (um rund 400 v. H.).

Das erfreulichste Ergebnis der Jahresbilanz ist die Tatsache, daß es dem Land in erstaunlichem Maße gelungen ist, der vorkriegsmäßigen Verteilung seiner Ausfuhren in die verschiedenen Länder wieder recht nahe zu kommen. Während die Exporte in die Tschechoslowakei, nach Jugoslawien und Bulgarien sogar das Vorkriegsniveau überschritten haben, ist der Handel mit Ungarn, Polen und Rumänien noch höchst unbefriedigend geblieben. Als Kuriosum sei vermerkt, daß die Ausfuhr nach Rußland in der Jahresstatistik mit ganzen 2000 Schilling erscheint! Die Erklärung dafür ist einfach, wenn man sich erinnert, daß Moskau heute durch das russifizierte „deutsche Eigentum“ in Österreich im Besitz schätzungsweise eines Fünftels des österreichischen Produktionspotentials ist, wobei die Ausfuhren der Russenbetriebe in keiner Statistik auftreten, sich vielmehr jeder Einfluß- oder Kenntnisnahme österreichischer Stellen völlig entziehen. Die russische Empfindlichkeit gegen „Wirtschaftsspionage“ hat es bewirkt, daß nicht einmal halbwegs verläßliche Schätzungen über die Gütermengen möglich sind, die außerhalb der kommerziellen Ausfuhren nach dem Osten gehen und unter denen das Zistersdorfer Petroleum die erste Stelle einnimmt.