Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin Mitte April

Der Bundeskanzler Dr. Adenauer hat in Berlin einen ungewöhnlichen Empfang gehabt. Es war nicht ein festlicher Besuch mit Banketts und Girlanden vorgesehen, sondern ein Zusammentreffen des deutschen Regierungschefs mit allen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Instanzen der ehemaligen Hauptstadt und der in vielen Beziehungen heute wichtigsten Stadt Deutschlands. Die sieben Monate, die Adenauer fern von Berlin und zum ersten Male in der Geschichte der deutschen Staatsschöpfungen fern von der Hauptstadt verbracht hat, sind ihm besonders in Berlin und der sie umgebenden Schweigezone bisher sehr verübelt worden. Seine sehr selbständige, über den Rhein gerichtete Außenpolitik hatte er nach Meinung nicht nur der Berliner Regierungspartei, der SPD, sondern auch seiner eigenen Berliner Parteiorganisation bisweilen mit einer geringeren Neigung für die besonderen und schwierigen Probleme Berlins und des Ostens überhaupt erkauft.

Die Berliner Tage Adenauers aber haben ihn nichts von dieser Skepsis unter der Bevölkerung spüren lassen. Es ist hier, obwohl die Stadt nach wie vor nicht de jure der Bundesrepublik angehört, als der Kanzler auch Berlins respektiert worden. Mehr als das: die Stadt und alle ihre politischen und wirtschaftlichen Institutionen haben sich in diesen Tagen als Repräsentanten eines Gesamtdeutschlands gefühlt, das seinen Kanzler empfängt.

Auch Adenauers verschiedene Inspektionen in der Stadt waren die Inspektionen nicht eines Gastes, sondern des verantwortlichen Regierungschefs. So benutzte er auch den Berliner Boden zu einer großen politischen Analyse des gesamtdeutschen Problems im europäischen und weltpolitischen Zusammenhang. Also nicht die Sorgen der notschweren Stadt, nicht einfach die Fragen der Arbeitsbeschaffung, der Kredite, der Aufträge für die Berliner Industrie, des Währungsdualismus waren die Themen, sondern die großen Fragen der beiden Deutschland.

Die klare Luft Berlins ließ für den Besuch keine spontanen Aktionen zu. Doch erfuhr der Bundeskanzler, daß die besonderen Besorgnisse Berlins nicht das Querulantentum einer Millionenstadt sind, sondern aus der politischen Anomalität Berlins resultieren. In dieser Beziehung sind Adenauers Unterhaltungen mit den drei Berliner Stadtkommandanten von besonderem Wert gewesen. Es war natürlich, daß über das Brandenburger Tor hinweg aus Ostberlin dem deutschen Bundeskanzler statt der Willkommenssträuße sehr massive Begrüßungsreden zugerufen worden sind. Für wenige Tage zeigte sich ja das erste Mal in der Stadt Berlin neben der Ostregierung Grotewohls die Bundesregierung repräsentativ als Hausherr in Berlin, und so hatte die Geste, mit der Adenauer das neue Haus der Bundesregierung in der Berliner Bundesallee als Hausherr der Öffentlichkeit übergab, einen größeren Wert als viele Verbeugungsreden aus Bonn.